Aus dem Haus

All that Jazz: aktuelle Plattentipps und News

  • 20.02.2016

Das neue Jahr hat für Jazz-Fans wieder viele spannende Releases zu bieten. In unserem aktuellen Jazz-Newsletter empfehlen wir Ihnen die Alben, die uns bislang am meisten überzeugt haben. Passend zur Berlinale werfen wir außerdem einen Blick auf Jazz-inspirierte Soundtracks und wir schauen, was sonst noch in Berlin in Sachen Jazz los ist. Kommen Sie doch auch bald mal wieder in unserer Musik-Abteilung vorbei - wir freuen uns darauf, Ihnen unsere Jazz-Tipps persönlich vorzustellen.

Sie möchten immer aktuell über Neuigkeiten informiert werden - dann abonnieren Sie unseren Jazz-Newsletter hier


JAZZ
Frank Woeste / Pocket Rhapsody / ACT / 1 CD / € 17,99

"Wenn ich spiele, habe ich manchmal das Gefühl, ich bräuchte eine dritte Hand!" wird der 39jährige Pianist Frank Woeste in den liner notes seines neuen Albums zitiert. Vielleicht auch eine vierte oder fünfte, möchte man hinzufügen, denn neben dem Spiel auf diversen akustischen und elektrischen Tasteninstrumenten muss er natürlich auch noch arrangieren, orchestrieren und komponieren. All diese Fähigkeiten finden sich formvollendet auf seinem ACT-Debüt "Pocket Rhapsody" wieder.

Er bedient sich dabei eines abenteuerlichen Spektrums an musikalischen Ausdrucksformen. Wir hören kammermusikalische Streicher-Intros und Heavy Metal-Gitarrenriffs, klassischen Improvisationsjazz und elektronische Avantgarde, Drum & Bass und futuristische Balladen. Es ist der Verdienst des gewieften Arrangeurs Woeste, dass diese Vielfalt, noch dazu in loser Folge oder teilweise innerhalb eines Tracks, nicht aufgesetzt, sondern organisch wirkt. Exemplarisch das Titelstück im Zentrum des Albums: Flächige Gitarrentöne weichen langsam walzenden Streichern, bevor Woeste ein romantisches Klavierthema aufbaut, das mitten im Track von den Drums in eine funkige Sektion aus Bass Synthesizer und Gitarrentönen überführt wird und in minimalistischer Piano-Improvisation endet.

Begleitet wird Woeste von einer kleinen Schar erlesener Musiker. Die Kernbesetzung ist ein Trio mit dem anscheinend allgegenwärtigen Gitarristen Ben Monder und Drummer Justin Brown aus der Band von Ambrose Akinmusire. Die jungen Streicher Sarah Nemtanu und Gregoire Korniluk kennt der seit fast 20 Jahren in Paris ansässige Hannoveraner aus Frankreich. Bleiben noch zwei große Namen, die seit Jahren musikalisch mit Frank Woeste verbunden sind: Ibrahim Maalouf bereichert zwei der Tracks mit seinem arabisch anmutenden Trompetenspiel und ACT-Star Youn Sun Nah brilliert mit faszinierender Stimme und selbst geschriebenen lyrics in dem Song "The Star Gazer".

Der englische Wikipedia-Eintrag definiert die Rhapsodie als in ihrer Struktur frei fließend, mit einer Palette unterschiedlichster Stimmungen, Färbungen und Tonalitäten. Sie strahle spontane Inspiration und ein Gefühl von Improvisation aus. Die Musik dieses Albums enthält all diese Elemente und noch viel mehr. Und in die Tasche passt sie auch noch.

Sehen Sie hier den Trailer zum Album.

 

JAZZ
Ben Monder / Amorphae / ECM (Universal) / 1 CD / € 19,99

Ben Monder gebührt die traurige Ehre, dank seiner Mitwirkung auf dem finalen David Bowie-Album "Blackstar" der momentan wohl meistgehörte Jazzgitarrist der Welt zu sein. Nur eine Woche nach dem Schwanengesang des "Thin White Duke" erschien mit "Amorphae" bei ECM ein Album des 53jährigen New Yorkers, das ihn als einen der innovativsten Gitarristen unserer Zeit ausweist.

Die langfristige Konzeption des Albums steht dabei im krassen Gegensatz zur improvisatorischen Natur der Musik. Geplant als Duett mit dem legendären Schlagzeuger Paul Motian, datieren die ersten Aufnahmen zu dem nun vorliegenden Album von 2010. Nach Motians Tod 2011 entschloss sich Monder, das Projekt mit dem renommierten Avantgarde-Jazz-Drummer Andrew Cyrille weiterzuführen. Zusätzlich rekrutierte er noch den New Yorker Pianisten Pete Rende. Damit finden sich auf "Amorphae" je zwei Tracks im Duo mit Motian bzw. Cyrille, zwei im Trio mit Rende und Cyrille sowie zwei Solostücke.

Monders einzigartiger Stil speist sich aus der Verbindung von makelloser Spieltechnik und einem Gespür für faszinierende Sounds. Langgezogene, verhallte Crescendi verleihen seinen Stücken eine Flüssigkeit, die trotz des oft ambienten Charakters der Musik Bewegung und Vorwärtsdrang evozieren. Atmosphäre und tonale Färbung dominieren die zweifellos vorhandene Komplexität seiner Kompositionen. Diese Ästhetik macht ihn gewissermaßen zu einem ECM-Künstler par excellence.

"Amorphae" beginnt und endet mit Solo-Exkursionen von Monder - zum Auftakt das melodisch tastende "Tendrils", als Abschluss "Dinosaur Skies", minutenlang anschwellende, vielfach gefilterte Sounds. Im Zentrum des Albums die Triostücke, in denen die schimmernde Elektronik des Keyboarders Pete Rende zusätzliche Intensität schafft. Andrew Cyrille glänzt durch ungewöhnliche Besentechnik, die weniger Puls oder Rhythmus, sondern eher Textur beisteuert. Höhepunkt des Albums ist für mich die Version des Rodgers & Hammerstein-Klassikers "Oh, What A Beautiful Morning". Untermalt von Paul Motians hingestreutem Schlagzeugteppich erforscht Monder das weltbekannte Thema wie den Körper einer geliebten Person. Sanfte, tonale Poesie mit orchestralem und sogar vokalem Charakter. "Amorphae" ist eine rare Perle: improvisierte Experimentalmusik, die nicht verstört, sondern bewegt und betört.

JAZZ
Uschi Brüning / So wie ich / Edel / 1 CD, € 17,99 / 1 Vinyl, € 19,99

"Weltniveau im Überwachungsstaat" - der Titel dieser seit 2013 laufenden Wanderausstellung über Free Jazz in der DDR kolportiert anschaulich das Dilemma des damaligen Regimes zwischen dem Wunsch nach internationaler Anerkennung und selbst gewählter Abgrenzung. Was im Leistungssport noch funktionierte, erwies sich auf kulturellem Gebiet, wo Weltoffenheit und Individualität gefragt sind, als Hemmschuh. Alleine der Jazz als weitgehend instrumentale und für Technokraten schwer zugängliche Kunstform konnte ein vergleichsweise komfortables Nischendasein führen.

Uschi Brüning, 1947 in Leipzig geboren, hätte definitiv das Zeug dazu gehabt, die Konzertbühnen in New York, Rio oder Tokio zu begeistern. Als eine der beliebtesten Sängerinnen in der DDR schaffte sie den Spagat zwischen anspruchsvollem Schlager, Chanson und Jazz, ohne Abstriche an künstlerische Integrität zu machen. Seit sie Ende der 60er Jahre von Klaus Lenz für dessen Big Band rekrutiert wurde, hat sie mit fast allen maßgeblichen Musikern der DDR-Jazzszene zusammengespielt. Mit dem Saxophonisten Ernst-Ludwig Petrowsky ist sie bis heute verheiratet. Dem großen, gesamtdeutschen Publikum wurde sie allerdings erst unlängst durch ihre Konzerte und ein Album mit Manfred Krug bekannt - auch so ein ehemaliger Kollege aus den Zeiten der Big Band von "Old Lenz".

Nun hat Uschi Brüning, eigentlich unfassbar, ihr erstes komplett deutschsprachiges Album seit vierzig Jahren aufgenommen. Herausgekommen ist eine sehr persönliche Werkschau aus aktuellen Einspielungen älterer Titel ("Dein Name", "September"), Neukompositionen und Coverversionen - darunter auch eingedeutschte Standards wie das Titelstück "So wie ich", im Original der Burt Bacharach-Welthit "Close to you". Der "Son of a Preacher Man", den sie seit Jahrzehnten im Repertoire hat, wird hier zum "Sohn meiner Nachbarin" und selbst den Monk-Klassiker "Round About Midnight" meistert Brüning mit der ihr eigenen Souveränität.

Ihr Gesang ist geprägt von selbstverständlicher Leichtigkeit und Wärme, wirkt unangestrengt und jugendlich. Ihre großartige Phrasierung verbildlicht die lebensklugen und charmanten Textzeilen perfekt. Begleitet wird sie von einer kleinen Combo exzellenter Instrumentalisten, deren locker swingende Arrangements nach einer größeren Besetzung klingen. Das Album endet mit dem wunderschönen Holger Biege-Chanson "Wenn der Abend kommt". Vorher aber singt Uschi Brüning noch "Das Lied ist aus", eine Komposition von Robert Stolz, die vor ihr Marlene Dietrich und Hildegard Knef interpretiert haben. Das, und kein Deut weniger, ist ihr Maßstab! In der DDR nannte man es Weltniveau.

DREI, DIE SIE KENNEN SOLLTEN!

Der Februar steht in Berlin traditionell im Zeichen der Filmfestspiele. Wir möchten Ihnen daher heute drei essentielle Jazz-Soundtracks präsentieren.

Miles Davis / L'Ascenseur pour L'echafaud / Universal / 1 CD, € 9,99 / 1 Vinyl, € 19,99

Gegen Ende des Jahres 1957 spielte Miles Davis einige Konzerte in der Formation des französischen Jazzpianisten Rene Urtreger in Paris. Dort erhielt er das Angebot, die Musik zu dem Spielfilmdebüt des Regisseurs Louis Malle beizusteuern. Zusammen mit Urtregers Quartett, zu dem auch der in Frankreich lebende amerikanische Drummer Kenny Clarke gehörte, improvisierte Davis in einer zweitägigen Session im Pariser Le Poste Studio zu den auf eine Leinwand projizierten Filmsequenzen. In wenigen Stunden entstand so der coole, spannungsgeladene Stoff, der dann als Soundtrack zu " Ascenseur pour l'échafaud" Weltruhm erlangte - und der wie ein Vorbote von Miles' wenig später veröffentlichtem Meisterwerk "Kind Of Blue" wirkte.

Herbie Hancock, Dexter Gordon / Round Midnight / Columbia / 1 CD / € 9,99

Ein amerikanischer Jazzer im Paris der 50er Jahre ist auch das Thema von "Round Midnight". In der französisch-amerikanischen Co-Produktion von Bernard Tavernier spielt der große Saxophonist Dexter Gordon einen Jazzmusiker am Abgrund. Der von Herbie Hancock mit einem Staraufgebot von Musikern wie Ron Carter, Tony Williams, John McLaughlin und Bobby McFerrin produzierte Soundtrack gewann 1986 den Oscar für die beste Filmmusik.

Bernard Herrmann / Taxi Driver / Sony / 1 CD, € 9,99 / 1 Vinyl, € 22,99

Bernard Herrmann gilt nicht nur wegen seiner Musik für diverse Hitchcock-Filme zu Recht als Ikone unter den Soundtrack-Komponisten. Seine allerletzte Arbeit war der Score zu Martin Scorceses Kultfilm "Taxi Driver", deren Aufnahmen er nur wenige Stunden vor seinem Tod beendete. Der jazzige Soundtrack mit dem Saxophonisten Tom Scott ("Starsky & Hutch", "Die Straßen von San Francisco") transportiert kongenial die latente Aggression im heruntergekommenen nächtlichen New York der 70er Jahre.

KURZ & NEU
Nils Landgren / Some Other Time / Edel / 1 CD / € 17,99 / auch als Vinyl erhältlich

Nils Landgren über sein Tribute an den großen Komponisten des 20. Jahrhunderts: "Ich habe Bernstein immer verehrt, als Musiker, als Dirigent, als Komponist, aber einfach auch als Menschen. Seine Musik ist einfach einzigartig, sehr charakteristisch."

Joja Wendt / Jojas Klaviermusik / Universal / 1 CD / € 17,99 / erhältlich ab 19.02.16

Joja Wendt hat Ideen und Bilder gesammelt, sie in Tönen ausformuliert und in vielen Hundert Konzerten auf die Bühnen gebracht. Und er hat nach vielen Jahren des Sammelns endlich auch wieder ein Album daraus gemacht. "Joja Wendts Klaviermusik" heißt es - so einfach wie allgemeingültig. Heutige Musik von klassischer Schönheit.

Paolo Fresu, Richard Galliano, Jan Lundgren / Mare Nostrum II / Edel / 1 CD, € 17,99 / 2 LPs, € 29,99 / erhältlich ab 26.02.16

Der Sound Europas zweiter Teil. Die Jazz-Supergroup hat wieder Stücke geschrieben, die über eine im modernen Jazz äußerst seltene Ohrwurmqualität verfügen und die gleichzeitig die Musikkulturen ihrer Akteure verbinden.

KONZERT DES MONATS
Ibrahim Maalouf / Dienstag, 23. Februar 2016 / 20:00 Uhr / Konzerthaus Berlin

Ein frühes Highlight des Berliner Jazzjahres 2016 dürfte es am 23. Februar im Konzerthaus am Gendarmenmarkt geben. Im Rahmen des Saison-Schwerpunkts "Festival Frankreich" gastiert der libanesisch-französische Trompeter Ibrahim Maalouf mit der Aufführung seines unlängst erschienenen (und an dieser Stelle hoch gelobten) Konzeptalbums "Kalthoum". Begleitet wird er (bis auf Bassist Larry Grenadier, der von Scott Colley ersetzt wird) von dem Quartett der Aufnahmesession - also von Pianist Frank Woeste, Saxophonist Mark Turner und Schlagzeuger Clarence Penn. Arabische Musiktradition europäisch arrangiert und gespielt in den Strukturen des zeitgenössischen New York Jazz. Die Jazz-Abteilung des KulturKaufhauses wird vollständig versammelt vor Ort sein!

Das Konzert gehört übrigens zur Reihe "Klazzik", in der das Konzerthaus Berlin musikalische Grenzgänger aus den Bereichen Jazz und Weltmusik präsentiert. Im April folgen noch zwei Veranstaltungen in dieser Reihe: die Jazzvokalistin Dianne Reeves mit Band sowie Anoushka Shankar, Tochter des großen Ravi Shankar (und Halbschwester von Norah Jones) mit einem kleinen Ensemble plus der klassischen Violinistin Patricia Kopatchinskaja. Infos zum Programm finden Sie hier.
Hier können Sie das komplette Pariser Konzert auf Arte sehen.

JAZZY THING
23. Januar - 17. Juli 2016 / All that Jazz. Plakatkunst von Niklaus Troxler / Ausstellung im Bröhan-Museum in Charlottenburg

Niklaus Troxler gilt als einer der renommiertesten Plakatkünstler unserer Zeit. Internationale Bekanntheit erlangte er vor allem durch seine außergewöhnlichen Plakate, die er über 40 Jahre lang für das von ihm gegründete Jazzfestival in Willisau in der Schweiz entwarf. Seine Plakate reagieren auf die unterschiedlichen Jazz-Stile, die musikalische Vielfalt ist seine künstlerische Handschrift. So interpretiert Troxler in seinen außergewöhnlichen Entwürfen gleichermaßen Jazzgeschichte und die Entwicklung der Plakatgestaltung. Alle Infos zur Ausstellung finden Sie auf der Website des Bröhan-Museums.

 

 

0 Kommentare

Mein Kommentar

Die Kommentarfunktion ist für diesen Artikel deaktiviert.

0 Kommentare

Dussmann das KulturKaufhaus

Mo-Fr 09-24 Uhr

Sa 09-23:30 Uhr

Tel: +49-30-2025-1111
Sonntag geöffnet02. Oktober 2016, 13-20 Uhr

Archiv