]]> Aktuelles ‹ Das KulturKaufhaus ‹ Dussmann das KulturKaufhaus

Aus dem Haus

Unsere Jazz-Tipps: Aktuell ausgesucht und persönlich bewertet

  • 25.11.2014

So viel geballte Anerkennung gibt es selten: Vor einigen Wochen erhielt ECM-Chef Manfred Eicher den Kulturpreis seiner Heimatstadt Lindau, Bundespräsident Joachim Gauck verlieh ACT-Labelchef Siggi Loch das Verdienstkreuz am Bande und sogar Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon bekannte anlässlich des ersten International Jazz Day, er sei "in the mood to sing sing sing". Die Wertschätzung, die der Jazz auf diese Weise erhält, finden wir großartig - und noch viel mehr freuen wir uns über die vielen Jazz-Künstlerinnen und Künstler, die uns mit ihrer Musik immer wieder begeistern und ins Staunen versetzen. 

 

Eine Auswahl unserer Favoriten aus unserem aktuellen Newsletter möchten wir Ihnen heute vorstellen - wie immer persönlich zusammengestellt und bewertet von unserem Jazz-Team! 

 

 

 

Bill Frisell / Guitar in the Space Age / Okeh (Sony) / 1 CD / € 17,99 / 1 LP erhältlich ab 28.11. / € 29,99 

Als die damalige Sowjetunion 1957 den ersten künstlichen Satelliten Sputnik in die Erdumlaufbahn schickte, war dies der Startschuss für einen technologischen Wettstreit zwischen West und Ost. Space Age, das Raumfahrtzeitalter, markiert aber auch den Beginn eines geistigen Aufbruchs und der rasanten gesellschaftlichen Veränderung in allen Lebensbereichen. Der Soundtrack dazu war neu und elektrisierend: Rock! Und das Instrument dieses Siegeszugs war die Gitarre. Bill Frisell, Jahrgang 1951, ist nicht nur der bedeutendste lebende Jazz-Gitarrist, er hat auch nie seine Vorliebe für populäre amerikanische Musiktraditionen verleugnet. Sein neues Album ist ein Tribut an die Rockhits des "Space Age" und vor allem an die legendären Instrumentals, die oft schon in Titeln und Bandnamen den Zeitgeist verrieten ("Pipeline", "Telstar" oder "Baja" von den Astronauts). Zusammen mit dem Pedal Steel-Giganten Greg Leisz, Tony Scherr am Bass und Drummer Kenny Wollesen revitalisiert Frisell die Klassiker mit dem harmonischen Verständnis eines Jazzman, ohne die nostalgische Faszination der Tracks zu beeinträchtigen. Highlights wie Link Wrays "Rumble" oder Duane Eddys "Rebel Rouser" belegen zudem den innovativen Charakter der Originale. "Guitar in the Space Age" feiert den Gitarrensound der Frühzeit des Rock auf unnachahmliche Weise. Klicken Sie hier für ein Making-Of-Clip des Albums. 

 

Bugge Wesseltoft, Henrik Schwarz, Dan Berglund / Trialogue / Jazzland (Universal) / 1 CD / € 17,99 / 1 LP / € 19,99 

Der norwegische Pianist Bugge Wesseltoft ist ein Mann mit vielen musikalischen Gesichtern. In den 90ern wurde er mit seiner "New Conception of Jazz"-Serie, die Jazz mit House und Electronica infiltrierte, zu einem Pionier des Nu Jazz. Er produzierte aber auch Soloalben mit Standards oder den Weihnachtsklassiker "It's Snowing on My Piano". Erst vor wenigen Monaten veröffentlichte er "OK World": ein akustisches Projekt mit Musikern aus Europa, Asien und Afrika. Seit 2009 pflegt er eine Zusammenarbeit mit dem deutschen Electro-Produzenten und House DJ Hendrik Schwarz, die in anderen Musikerkreisen am ehesten mit dem Begriff "Jam" bezeichnet würde und die sich 2011 in dem Album "Duo" manifestierte. Für eine Fortsetzung ihres Konzepts hin zum Trio konnten die Zwei mit E.S.T Bass-Legende Dan Berglund ein echtes Schwergewicht gewinnen. War "Duo" noch weitgehend unbehauen und improvisiert, handelt es sich bei "Trialogue" um ein reifes, durchdachtes und ausproduziertes Album. Aufgenommen im Klangparadies des bayerischen Luxushotels Schloss Elmau, entwickelt das Trio eine organische Fusion von akustischem Jazz und Electrosounds, wie ich sie bisher nicht gehört habe. Die spieltechnische Brillanz von Piano und Bass kommentiert Schwarz mit einer sensationellen Klangpalette zwischen schabendem Sandpapier und flüssigen Grooves, die weitgehend aus gesampeltem Material seiner Mitstreiter gespeist wird. Schlusspunkt ist eine Version des vielleicht meistgespielten Jazzstücks überhaupt, Monks "Round Midnight". Ein Kandidat für mein Album des Jahres! Sehen Sie hier eine Album Documentary zu "Trialogue". 

 

 

 

Olivia Trummer / Fly Now / Contemplate (Cargo) / 1 CD / € 15,99 

Eigentlich ein Fall für die Titelseiten von Musikmagazinen und längere Features in den einschlägigen TV-Kulturprogrammen: Eine hochtalentierte 29jährige Sängerin, Komponistin und studierte Pianistin, die schon ihr fünftes Album voll exzellenter Songs präsentiert, aufgenommen mit Weltklassemusikern in New York - anderswo entstehen daraus Karrieren wie die von Diana Krall oder Stacey Kent. Olivia Trummer, geboren in Stuttgart, seit Jahren in Berlin und New York zuhause, hat das Format zum internationalen Star und sammelt fleißig credits dafür. Ihre neue Songkollektion ist eine strahlend schöne Reflexion über Individualität in Metropolen, anrührend poetisch und zugleich voller optimistischer Energie. Begleitet wird sie vom gebürtigen Neuseeländer Matt Penman am Bass und Drummer Obed Calvaire, beide aktuelle Mitglieder im SFJazz Collective und gefragte Sidemen der Jazzelite. Das Sahnehäubchen kommt auf drei Tracks in Person von Kurt Rosenwinkel, dessen Gitarre sich wie ein vermisstes Puzzleteil in Olivia Trummer's Gesang und Klavierspiel fügt. Das Album heißt "Fly Now" - einen besseren Titel für den Punkt, an dem Olivia Trummers Musikerinnenkarriere steht, kann ich mir kaum vorstellen. Sehen Sie hier den Clip "Making of Fly Now": 

 

Ron Miles / Circuit Rider / Enja (Soulfood) / 1 CD / € 17,99 

Jazz-Trompeter lassen sich grob in zwei Kategorien unterteilen: Diejenigen, die offensiv mit ihrem Können hausieren und andere, die ihre Defizite mehr oder weniger kunstvoll kaschieren. Ron Miles gehört in eine dritte: Er stellt sein perfektes Spiel stets in den Dienst der Musik. Je besser er eine Melodie versteht, sagt er selbst, desto weniger Töne muss er spielen. Das Resultat ist ein Sound, der den Hörer mitnimmt, ihm aber genügend Raum für eigene akustische Vorstellungen lässt. Auf seinem neuen Album "Circuit Rider" spielt er, wie schon beim Vorgänger "Quiver" (2012), wieder im Trio mit Bill Frisell (Gitarre) und Brian Blade (Schlagzeug) - zwei Musiker, deren Werk und Vita wie bei Ron Miles im Mittleren Westen und den amerikanischen Musiktraditionen wurzelt. Aufgenommen an zwei (!) Tagen in einem kleinen Studio in Denver, verbindet sich Miles' warmer, wandernder Ton mit dem flexiblen Gitarrenspiel von Frisell, das Pianofiguren und Bassläufe mitdenkt. Der großartige Brian Blade bewegt sich rhythmisch durch die Freiräume der Tracks. Fünf der acht Songs sind Eigenkompositionen, zwei der drei Covers stammen von Charles Mingus. Das Album endet mit dem 10minütigen "Two Kinds of Blues", im Original von Jimmy Giuffre und Jim Hall. Große Fußstapfen, denen das Trio spielend gerecht wird. 

 

DREI, DIE SIE KENNEN SOLLTEN! 

Ob Wes Montgomery, Joe Pass, Jim Hall, Grant Green oder George Benson... fast alle großen Jazz-Gitarristen haben einen unverwechselbaren eigenen Stil. Bill Frisell, geboren 1951 in Baltimore, ist sowohl Ausnahme als auch Erweiterung dieser Regel. Bedingt durch seine stilistische Vielfalt querbeet durch alle populären amerikanischen Musiktraditionen, adaptiert Frisell charakteristische Spielarten und Techniken, hat aber trotzdem einen individuellen Sound entwickelt. Bekannt geworden in den 80ern als "Hausgitarrist" für ECM-Produktionen, tourte er bald darauf mit Pop-Ikonen wie Marianne Faithfull oder Elvis Costello. Spätestens Ende der 90er hatte er seine Fähigkeiten in nahezu allen relevanten musikalischen Genres, und meist auf höchster Qualität, bewiesen. Heute zählt er zu den herausragenden Instrumentalisten der Musikhistorie. 

1) Bill Frisell / Big Sur / Okeh (Sony) / 1 CD / € 9,99 / 1 LP / € 26,99 

"Big Sur" von 2013 ist eine 19-teilige Suite, komponiert als Auftragsarbeit für das Monterey Jazz Festival. Kurz gesagt handelt es sich um ein String Quartet plus Drums. Gitarre, Geige, Bratsche und Cello (neben Frisell, Jenny Scheinman, Eyvind Kang und Hank Roberts) intonieren farbenprächtige Saitenklänge von klassisch streng bis malerisch folkloristisch, aufgemischt vom rastlosen Rudy Royston am Schlagzeug. Schönklang, der rockt! 

2) Bill Frisell / Rambler / ECM (Universal) / 1 CD / € 9,99 Eine hochkarätige Besetzung begleitete Frisell auf dem ECM Frühwerk von 1984. Frisells oft synthetisierter Sound steuert die Kompositionen, die von Kenny Wheeler (Trompete, Flügelhorn) und Bob Stewart (Tuba) dominiert und von Jerome Harris (Bass) und Paul Motian (Drums) rhythmisch unterfüttert werden. Nennen wir es experimentellen Fusionjazz. Muss man gehört haben! 

3) Bill Frisell / Best of Vol.1: Folk Songs / Nonesuch / 1 CD / € 9,99 

Einen wunderbaren Überblick über die eher akustischen, roots-orientierten Arbeiten in den 90ern von zum Teil nicht mehr erhältlichen Alben liefert die Kompilation "Folk Songs". Eine Americana-Meditation in 15 Tracks, die an keiner Stelle zusammengesucht wirkt. 

 

Eva Kruse / In Water / Redhorn Records (Naxos) / 1 CD / € 15,99 

Welch eine Überraschung! Die Hamburger Kontrabassistin Eva Kruse, die sich vor allem im Trio mit Michael Wollny und Eric Schäfer einen Namen machte, hat für ihr erstes eigenes Projekt eine höchst ungewöhnliche Quintett-Besetzung gewählt. Sie überträgt die Melodieführung ihrer acht Eigenkompositionen weitgehend dem Zusammenspiel des Sopransaxofonisten Uwe Steinmetz und der Oboistin Tjadina Würdinger: Ein Kunstgriff, der dem Sound etwas Unverwechselbares und Eigenständiges verleiht. Komplettiert wird das Quintett durch Pianist Bugge Wesseltoft und dessen warmen Fender Rhodes Sound sowie von Drummer Christian Jormin, Bruder des großen Bassisten Anders Jormin, bei dem Eva Kruse einst studierte. Entstanden ist wunderschöne, zeitlose Musik von intensiver Bildhaftigkeit, geprägt durch ein verdichtetes, kongeniales Zusammenspiel der beteiligten Musiker und geerdet von Eva Kruses präsentem, melodiösem Kontrabass. Eine der beiden Fremdkompositionen leiht sie sich bei Sting, dem vielleicht bekanntesten Rock-Bassisten nach Paul McCartney ("When We Dance"), die zweite ist "Die Ente" aus Prokofjews "Peter und der Wolf" 

 

KONZERT DES MONATS 
ROOT 70 / Fr, 5.12., 18 Uhr + und Sa, 6.12., 21 Uhr / A-Trane, Bleibtreustraße 1, 10625 Berlin-Charlottenburg 

Ein weiteres Bandprojekt mit dem Bassisten Matt Penman (siehe Olivia Trummer) macht Anfang Dezember mal wieder Station im A-Trane. ROOT 70 ist ein deutsch-neuseeländisches Quartett unter der Leitung des Posaunisten Nils Wogram. Die Kiwi-Fraktion bilden Penman und der Saxophonist Hayden Chisholm, komplettiert wird die Formation durch Schlagzeuger Jochen Rückert, dessen neues Album "We Make The Rules" (übrigens mit Penman und dem großen Mark Turner) hier noch nebenbei empfohlen sei. Gewidmet ist das Programm an beiden Abenden den Standards des "American Songbook", in sicherlich inspirierenden und respektvollen Versionen. Wem Jazzkonzerte in der Regel zu spät beginnen: Freitag startet der Gig schon um 18 Uhr! 

 

JAZZY THING 
"Dripped" - animierter Kurzfilm mit tollem Jazz-Soundtrack über die Kraft der Kreativität 

Der individuelle Animationsstil, das Retro-Setting und der exzellente Jazz-Soundtrack des französischen Musikers Pablo Pico: Der Kurzfilm "Dripped" ist eine wunderbare Hommage an das Leben und Werk des amerikanischen Expressionisten Jackson Pollock. Regiseur Léo Verrier gewann mehrere Preise mit "Dripped" und stand 2012 sogar auf der Shortlist für den Oscar. Unbedingt im Vollbild anschauen!

0 Kommentare

Mein Kommentar

Die Kommentarfunktion ist für diesen Artikel deaktiviert.

0 Kommentare

Dussmann das KulturKaufhaus

Mo-Fr 09-24 Uhr

Sa 09-23:30 Uhr

Tel: +49-30-2025-1111

Archiv