Aus dem Haus

Tribut an Billie Holiday: Unsere Jazz-News im April

  • 30.04.2015

Man kann es so sagen: Billie Holiday war die größte Jazz-Sängerin des letzten Jahrhunderts. Anlässlich ihres 100. Geburtstages möchten Ihnen heute die besten Alben dieser außergewöhnlichen Frau ans Herz legen sowie Ihre Aufmerksamkeit auf interessante Billie-Holiday-Tribut-Alben anderer Jazz-Künstler lenken. Aber natürlich kommen auch andere Neuheiten aus der Welt des Jazz nicht zu kurz.

Viel Vergnügen beim Lesen, Hören und Entdecken!


BILLIE HOLIDAY-EMPFEHLUNG
Billie Holiday / Lady Day - The Master Takes and Singles / Columbia/Sony, 4 CDs, € 19,99 / Centennial Collection, 1 CD, € 8,99 

Billie Holiday war wohl nicht die beste Sängerin in der Geschichte des Jazz, aber sie war zweifellos die einflussreichste. Aus heutiger Sicht ist es schwer nachvollziehbar: Vor Billie Holiday waren populäre Vokalisten Gesangsdarsteller, die notengetreu wiedergaben, was ihnen die Lohnschreiber aus den Hitmanufakturen der Tin Pan Alley vorsetzten. Billie Holiday sang keinen Song so, wie er auf dem Papier notiert war. Sie dehnte Vokale, verschleifte Silben oder verschleppte das Tempo, ohne jedoch den Rhythmus zu verlieren. Bei ihr zählte jeder Ton. Ihre ultrapräzise Technik kam weitgehend ohne Theatralik aus: Bei Billie gab es keine Schreie oder Kiekser, kein Stöhnen oder Wimmern. Ihr Vortrag war extrem persönlich und emotional. Sie suchte den direkten Weg zur Seele eines Songs und berührte dadurch die Herzen ihrer Zuhörer. Ihre Lebensgeschichte ist eine ausführlich dokumentierte Kette von tragischen Umständen und selbstzerstörerischem Verhalten, ähnlich wie bei ihrer jüngsten großen Nachfolgerin Amy Winehouse: Falsche Berater, gewalttätige Männer, Alkohol und Drogen saugten ihre Kreativität aus, bzw. ruinierten ihre Stimme. So entstand das Bild der unglücklichen, früh verfallenen Schönheit mit der Gardenie im Haar, das bis heute durch die Medien geistert. Die wahre Billie Holiday finden wir in ihrem unsterblichen Werk. Einen hervorragenden Überblick über die erste Hälfte ihrer Karriere bietet "Lady Day - The Master Takes and Singles". Hier werden auf 4 CDs wesentliche Aufnahmen aus den Jahren 1935 bis 1941 versammelt, die sie für Labels wie Brunswick, Vocalion oder Okeh aufnahm. Die insgesamt 80 Tracks - überwiegend eingespielt mit der Band von Teddy Wilson inklusive Größen wie Lester Young, Johnny Hodges oder Gene Krupa - dokumentieren ihre Entwicklung von einer Standards-Interpretin zur einzigartigen Jazz-Künstlerin. Das Boxset im Buchformat ist liebevoll gestaltet und wartet mit vielen Fotos und ausführlichen Kommentaren zu jedem Track auf. Ein Konzentrat dieser Aufnahmen findet sich auf der jetzt veröffentlichten "Centennial Collection", welche die 20 essentiellen Songs auf einer einzelnen CD enthält.


BILLIE HOLIDAY-EMPFEHLUNG
Billie Holiday / Lady in Satin / Columbia/Sony / 3 CDs, € 27,99 / 1 LP, € 24,99

Eines der bekanntesten Alben von Billie Holiday ist das umstrittene Meisterwerk "Lady in Satin", ihre letzte zu Lebzeiten veröffentlichte Platte. Ihre Stimme war ein Schatten vergangener Tage, fragil und brüchig, aber ihre Phrasierung war noch immer außergewöhnlich. Großartige Songs wie "For Heaven's Sake", "You've Changed" oder "The End Of A Love Affair" entsprachen ihren Vocals auch inhaltlich; die üppige Orchestrierung von Ray Ellis mit Streichern, Holzbläsern und Harfe klingt melancholisch und beherzt zugleich - mit dem Effekt, dass bei jedem neuen Hören andere Qualitäten hervortreten. Auf ähnliche Weise berührt haben mich nur noch die späten Aufnahmen von Johnny Cash mit Rick Rubin. Auch von diesem Album gibt es zusätzlich eine "Centennial" Edition, ein Set mit 3 CDs der kompletten Sessions in einem speziellen Vinylsingle-formatigen Schuber mit ausführlichem Booklet.

BILLIE HOLIDAY-EMPFEHLUNG
Billie Holiday / God Bless The Child: Best Of / Verve/Universal / 1 CD / € 9,99

Es gibt buchstäblich hunderte von Kompilationen mit Songs von Billie Holiday, daher erschließt sich erst auf den zweiten Blick die Sinnhaftigkeit einer neuen, einfachen CD mit Material aus ihrer späteren Phase auf dem Verve Label. Zusammengestellt wurde das Ganze nämlich vom Jose James, seit frühester Jugend ein Fan ihrer Musik. Ursprünglich für den japanischen Markt konzipiert, erscheint die CD rechtzeitig zum 100. Geburtstag nun auch in Europa und ist zudem ein perfekter Begleiter zu seinem eigenen Album mit Billie Holiday Songs, auf das wir gleich noch zu sprechen kommen. Die von James ausgesuchten Titel sind alle hochkarätig und klangtechnisch auf dem neuesten Stand, aber durch die Beschränkung auf 14 Tracks nur denen zu empfehlen, die die Kirschen von der Sahne picken wollen.

TRIBUTE TO BILLIE HOLIDAY
Jose James / Yesterday I Had The Blues / Blue Note/Universal / 1 CD / € 17,99

Aus unserer Verehrung für Jose James haben wir in der Jazz-Abteilung des Kulturkaufhauses und in diesem Newsletter nie ein Hehl gemacht. Sein wandlungsfähiger Bariton und die Stilsicherheit, mit der er sich in unterschiedlichsten musikalischen Terrains bewegt, machen den 37-Jährigen zum interessantesten Jazzsänger seiner Generation. Die neun Songs aus dem Katalog von Billie Holiday, die er jetzt aufgenommen hat, sind für ihn mehr als nur ein Projekt. Billie Holiday ist seine Ikone und die Triebfeder für seine Kunst - als Sängerin, Performerin und als politische Figur. Zusammen mit einem Killertrio (Jason Moran am Piano, John Patitucci am Bass und dem Drummer Eric Harland) sowie Label-Chef Don Was als Produzent entstand das Album in einer vierstündigen Session in einem Take - quasi live. Getreu seinem Vorbild singt James die Songs nuanciert und subtil. Dem eleganten Opener "Good Morning Heartache" verleiht er eine beunruhigende Resignation, im nachfolgenden "Body And Soul" köchelt Leidenschaft und Verlangen. Zwischen den Balladen ein furios vorpreschendes "What A Little Moonlight Can Do", das James erst bei 2:30 entert und souverän bis zum Ende swingt. Das Beste dann zum Schluss: "God Bless The Child" (Moran am Fender Rhodes) und als Höhepunkt "Strange Fruit" - bei Jose James ein "field holler" mit geisterhaft summendem Chor und bedrohlich synthetisierten Handclaps als Rhythmus. Jose James spielt sein Billie Holiday-Programm zum Abschluss des X-Jazz Festivals in Berlin am 10. Mai, um 20 Uhr, in der Neuen Heimat, Revaler Str. 99.

TRIBUTE TO BILLIE HOLIDAY
Cassandra Wilson / Coming Forth By Day / Sony / 1 CD, € 18,99 / 2 LPs, € 29,99

Cassandra Wilson als Interpretin von Billie Holiday-Material erscheint naheliegend. Eine Version des Klassikers "Strange Fruit" eröffnete schon ihr 1995er Album "New Moon Daughter" und seither hat sich Miss Wilson zur vielleicht bedeutendsten lebenden Jazzinterpretin entwickelt. Längst hat sie alle Spielarten populärer amerikanischer Musiktraditionen, wie Blues, Folk und Gospel, in ihren musikalischen Kosmos integriert - und so überrascht es nicht, dass sie für ihr Tributalbum die Komfortzone des Jazzstandards verlässt. Für die Produktion des Albums heuerte sie den britischen Nick-Cave-Produzenten Nick Launay an, der mit dem Bassisten Martyn Casey und Schlagzeuger Thomas Wydler die rhythm section der Bad Seeds mitbrachte. Gitarrist Kevin Breit und Pianist Jon Cowherd sind langjährige Begleiter und der junge Saxophonist Robby Marshall verblüfft in den Fußstapfen von Lester Young. Improvisierte Jams bildeten die Grundlage für die Arrangements der Songs, die auf verblüffende Weise radikal anders und gleichzeitig vertraut klingen. Immer wieder entsteht die vibrierende Unruhe von Bad Seeds-Tracks und schon beim Intro von "Don't Explain" erwartet man jeden Moment die Stimme von Nick Cave, um sich nach 30 Sekunden in die Sensation von Cassandras "Hush Now..." fallen zu lassen. Verblüffend auch die Streicher des genialen Arrangeurs Van Dyke Parks, die "The Way You Look Tonight" veredeln und den Klassiker "You Go To My Head" fast zu einer Philly-Soul-Ballade machen. Dieses außergewöhnliche Album löst alle Versprechen ein. Es verpflanzt die Musik und den Spirit von Billie Holiday in eine zeitlose, dunkel schimmernde Klanglandschaft, hinter der die Bedeutung der hundertfach gehörten Lyrics geisterhaft hervortreten kann. Das, was ich von Bob Dylans Sinatra-Tribut erwartet hatte, gelingt hier in Vollendung. Cassandra Wilson beweist, dass The Great American Song Book nach wie vor mehr sein kann als bloßes Zitat.

TRIBUTE TO BILLIE HOLIDAY
Dee Dee Bridgwater / To Billie With Love From Dee Dee / Universal / 1 CD / € 9,99

Nicht mehr ganz aktuell, aber definitiv zu empfehlen ist das Billie Holiday-Tributalbum von Dee Dee Bridgwater aus dem Jahr 2010. Hier ist der Kontrast: Dee Dee versucht nicht, Lady Day gerecht zu werden, sondern formt das Songmaterial in ihrem Sinne. Sie findet die Freude und den Humor, den es vor allem in den frühen Aufnahmen von Billie Holiday gab. Uptempo, jazzy und polyrhythmisch fetzt schon der Opener "Lady Sings The Blues" und gut gelaunt swingt sie anschließend durch "All Of Me" oder später "Miss Brown To You". Begleitet wird sie unter anderen vom Saxophonisten James Carter, der mit "Gardenias For Lady Day" ein eigenes, sehr freies Holiday-Tribut aufgenommen hat und von dem brillanten Bassisten Christian McBride, dessen Intro zu "Fine And Mellow" perplex macht. Auch hier wieder als Abschluss der Gänsehaut-Moment "Strange Fruit" mit Dee Dees Stimme ganz vorne im Mix und dramatischer Instrumentierung von Bassklarinette und Becken.

KURZ & NEU
Marcus Miller / Afrodeezia / Blue Note/Universal / 1 CD / € 17,99

Überraschung aus dem Hause Müller. Marcus Miller, eine Ikone des Jazz Funk, dessen Bass auf gefühlten 500 Alben aller Stilrichtungen zu hören sein dürfte, hat auf seinem aktuellen Album eine musikalische Reise entlang der Sklavenroute unternommen. Inspiriert durch seine Arbeit als UNESCO Artist For Peace, versammelte er ein Großaufgebot an Musikern aus aller Welt in diversen Studios auf drei Kontinenten, um urafrikanische Melodien und Rhythmen und ihre Transformation in die populäre Musik der Jetztzeit nachzuvollziehen und zu zelebrieren. Das Resultat ist eine unverschämt groovende Veranstaltung von überschäumender Freude und Musikalität. Party Jazz for thinking people! Sehen Sie hier den Albumtrailer.

Giovanni Guidi / This Is The Day / ECM/Universal / 1 CD / € 19,99

Wer wie ich ein Faible für Piano Trios hat, sollte sich das neue Album von Giovanni Guidi nicht entgehen lassen. Der 30jährige Italiener bestätigt hier, was sein ECM-Debüt "City Of Broken Dreams" versprochen hatte. Erneut wird er begleitet vom Bassisten Thomas Morgan (der uns erst unlängst bei Jakob Bro begegnet ist) und dem portugiesischen Schlagzeuger Joao Lobo, der auch als Komponist in Erscheinung tritt. Leichthändig, melodisch und geprägt von hoher Sensibilität im Zusammenspiel entwickelt das Album eine Anziehungskraft und Faszination, die sich schwer erklären lässt. Selbst der Latino Schlager "Quizas Quizas Quizas" (bzw. Perhaps Perhaps Perhaps) wird hier zur Meditation.

Dee Dee Bridgwater / Dee Dee's Feathers / Okeh/Sony / 1 CD / € 16,99

Dee Dee Bridgwater's brandneues Album ist eine musikalische Reise durch die Geschichte von New Orleans. Zusammen mit dem Trompeter Irvin Mayfield und seinem New Orleans Jazz Orchestra (NOJO) belebt sie klassische Songs wie St James Infirmary oder Armstrong's "What A Wonderful World" neu und erweitert das Songbook der Geburtsstätte des Jazz durch Eigenkompositionen wie "Congo Square" oder das Titelstück "Dee Dee's Feathers". Formidabel, mitreißend und ein weiterer Beleg dafür, dass die Idee von New Orleans weit mehr ist als der bloße Ort und alle Hurrikane überdauert.

KONZERT DES MONATS
XJAZZ Festival, 7. - 10. Mai

Das XJAZZ Festival geht in die nächste Runde. Nach dem erfolgreichen Auftakt im letzten Jahr hat Sebastian Studnitzky mit seiner Mannschaft wieder ein hochinteressantes und vielfältiges Programm auf die Beine gestellt. Der Begriff Jazz fungiert hier nur wie eine Klammer für ein Spektrum von akustisch instrumentierter, freier Musik über Funk, afrikanische Klänge, Dub, Electronica, Avantgarde bis hin zu Singer/Songwritern. Im Mittelpunkt des Festivalkonzepts steht der lokale Aspekt. XJAZZ ist vor allem ein Festival für in Berlin ansässige Künstler, Musiker und DJs. Die diversen Veranstaltungsorte liegen fußläufig voneinander entfernt entlang der Hochbahn im Herzen Kreuzbergs. Es fällt schwer, aus den mehr als zwei Dutzend Veranstaltungen Empfehlungen herauszupicken. Jazzhörer gehen vielleicht zu Veteranen wie Ack van Rooyen und Günter Baby Sommer. Gitarrenfans sollten sich Wallis Bird, das Arne Jansen Trio oder Ronny Graupe nicht entgehen lassen. Ein Publikumsmagnet dürfte das Doppelkonzert mit der schrägen Big Band Andromeda Mega Express und dem äthiopischen Altmeister Hailu Mergia werden. Mit Olivia Trummer und Johanna Borchert kann man zwei der bemerkenswertesten jungen Sängerinnen an einem Abend erleben. Und Clubmusik der Extraklasse garantieren die DJ Sets von Jazzanova und Louie Vega am Freitag im Prince Charles.

Hier geht's zur XJAZZ Festival-Website. Das Programmheft mit allen wichtigen Informationen bekommen Sie selbstverständlich auch bei uns im Kulturkaufhaus in der Jazz-Abteilung im Untergeschoss.

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