Aus dem Haus

Aktuelle Jazz-News - handverlesen, persönlich rezensiert

  • 17.07.2015

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UNSERE EMPFEHLUNG
James Brandon Lewis / Days of Freeman / Okeh/Sony / 1 CD / € 19,99

Große Kunst kann immer dann entstehen, wenn aus dem Verbinden von persönlicher Erinnerung und dem Wissen um kulturelle Herkunft eine eigene kreative Vision geformt wird. Wenn zum Beispiel eine Kindheit auf der Freeman Street in Buffalo, New York, (mit Hip Hop Beats, Basketball und Block Partys) gekreuzt wird mit kulturellen Erfahrungen wie dem Reggae Sound aus Lee Perrys Black Ark Studio, Don Cherry in Bamako oder Dvoraks "Sinfonie aus der Neuen Welt". In seinem dritten Album kartographiert der großartige 32-jährige Saxophonist James Brandon Lewis nicht nur seine persönliche Geschichte, er verknüpft sie auch meisterhaft mit dem Selbstverständnis und der generationenübergreifenden Identität der afroamerikanischen Kultur in den USA. Die vier Kapitel - von "Buffalo Braves" (einem in den 70ern dort ansässigen NBA Farm Team) bis zu "Planetary Movement" (Weltall-Fantasien in Jazz und Hip Hop) - verbindet Lewis mit Gesprächszitaten seiner Großmutter Pearl, die den emotionalen Kern des Albums bilden. Das musikalische Resultat gleicht einer Offenbarung. Lewis' experimentierfreudige, an Blues und Gospel geschulte Spielweise, wird hier erweitert, in dem das Horn die Funktion des Rappers im Freestyle imitiert und auf diese Weise Melodielinien von seltener Dynamik und Frische findet. Begleitet wird Lewis vom Bassisten Jamalaadeen Tacuma, der an Funk und der Harmolodic von Ornette Coleman gleichsam geschult ist, sowie dem im Jazz-Newsletter schon mehrfach erwähnten Schlagzeuger Rudy Royston. Die Kompaktheit und Explosivität dieser Formation sprengt die Grenzen des konventionellen Jazztrios. "Days of Freeman" ist ein Meisterstück: berührend, intellektuell, kraftvoll und zeitgemäß. James Brandon Lewis hat sich spätestens jetzt in die erste Reihe der jungen amerikanischen Jazzmusiker katapultiert. Respect!

UNSERE EMPFEHLUNG
Robert Glasper / Covered / Blue Note/Universal / 1 CD, € 17,99 / 2 Vinyl, € 26,99

Beifall, dann hörbares Ausatmen. "Cool! What's up, y'all?" Wir befinden uns in den Capitol Studios in Hollywood und Robert Glasper begrüßt das Publikum mit der Aufforderung, sich so zu verhalten, als wäre man in einem Club. Man würde ja nur ein Album live aufnehmen. Als seine Begleiter präsentiert er den Bassisten Vincente Archer und den Drummer Damion Reid. Er selbst spielt Piano und kehrt somit zur Triobesetzung seiner beiden frühen Blue Note-Alben "Canvas" und "In My Element" zurück. In den letzten Jahren fungierte Glasper mit seinen Black Radio-Projekten als Speerspitze eines an Hip Hop, Indie Rock und Electronica geschulten Modern Jazz und wurde dafür zweimal mit dem Grammy in der Kategorie R&B belohnt. Seine Rückkehr zum klassischen Trioformat ist dabei alles andere als retro, sondern eher eine akustische Variante des Black Radio-Formats mit der Rhythmusgruppe als DJ und Glaspers Piano als MC. Die ausgewählten Songs kommen teils aus der Neo Soul-Ecke (Musiq, Bilal, John Legend), aber auch von Radiohead ("Reckoner") oder Joni Mitchell (überraschend "Barangrill"). Dabei gelingt es dem Trio ausgezeichnet, die unterschiedlichen Vorlagen in einen stimmigen Jazzkontext zu überführen, ohne den Geist der Originale zu verlieren. Einziger Jazz Standard ist das millionenfach gespielte "Stella By Starlight", das Reid mit sensationeller Besentechnik auf den Snares unterfüttert. Im Zentrum des Albums steht das 13-minütige "In Case You Forget". Glasper beginnt solo, seine Arpeggios werden teilweise abrupt gestoppt, kurze Popzitate (Cyndi Lauper, Bonnie Raitt) und später dann längere Solopassagen von Bass und Schlagzeug werden eingestreut. Das Album endet mit "Got Over", einem stolzen Statement, gesprochen von Harry Belafonte und "I'm Dying Of Thirst". Über einem simplen Bassgroove und einer melancholischen Pianofigur verlesen Kinderstimmen die Namen von Afroamerikanern, die Opfer willkürlicher Polizeigewalt wurden. Auf "Covered" präsentiert sich Robert Glasper als einer der wichtigsten Jazzpianisten der Gegenwart, der ausschließlich seinen eigenen künstlerischen Idealen verpflichtet ist.

UNSERE EMPFEHLUNG
Terence Blanchard / Breathless / Blue Note/Universal / 1 CD / € 17,99

"Atemlos" ist der übersetzte Titel des neuen Albums von Terence Blanchard - und Puristen, die ketzerisch eine Helene-Fischerisierung des renommierten Trompeters befürchten, liegen nicht komplett daneben. Nie zuvor in seiner 30-jährigen Plattenkarriere hat Blanchard ein Album von derart offensichtlicher Massenkompatibilität produziert. Fusion, Electro Jazz, Funk und Hip Hop sind die Bezugspunkte, die Instrumentierung ist geprägt von Keyboards und elektrischer Gitarre. Es ist ein zeitgemäßes, modernes Gewand, in das Blanchard seine Inhalte kleidet, denn das Thema des Albums ist die beklagenswerte Zunahme von Polizeigewalt, Rassismus und Diskriminierung gegen Afroamerikaner in den USA. Seine in dieser Kombination neue Formation E-Collective ist ein wahres Powerpaket. Der junge kubanische Pianist Fabian Almazan begleitet ihn schon seit einigen Jahren und steuert hier die viertelstündige Klangreise "Everglades" bei. Gitarrist Charles Altura spielte zuletzt mit Chick Corea, Dayna Stephens und Ambrose Akinmusere. Die erfahrene Rhythmussektion bilden Donald Ramsey und Oscar Seaton und die Gesangsparts übernimmt PJ Morton, wie Blanchard aus New Orleans stammend und ein versierter R&B-Vokalist und Keyboarder der Rockband Maroon 5. Das Album kickt los mit einer schlüssigen Coverversion der politischen Funkhymne "Compared To What" von 1969 und endet mit einer instrumentalen Reflektion des Titels "Midnight" vom aktuellen Coldplay-Album. Dazwischen steuert Blanchard seine Truppe durch überwiegend selbst komponierte Stücke von hoher Intensität, die aber immer zugänglich bleiben und doch genügend Freiheiten für spielerische Exkursionen bieten. Beeindruckend auch die Skulptur auf dem Albumcover, die Verwurzelung, Spiritualität, Widerstand und Pazifismus vereinigt und somit die Inhalte perfekt verkörpert.

DREI, DIE SIE KENNEN SOLLTEN!

"Let's play the music and not the background" war Ende der 50er Jahre die programmatische Aussage des großen Saxofonisten Ornette Coleman. Emotionen statt Technik, Sounds vor Akkorden, die Freiheit, jeden Ton und jedes fühlbare rhythmische Muster zu spielen, an Stelle von Stil und Vereinbarung. Was meist als Bruch mit den Konventionen gewertet wurde, war tatsächlich das Erweitern von Optionen, eine Befreiung von Fesseln: Free Jazz. Als visionärer Musiker, Maler, Komponist und Bandleader, kompromisslos, undogmatisch und unabhängig von Trends, war er Wegweiser für Generationen von Musikern aller Genres. Ornette Colemans physisches Herz hörte am 11. Juni auf zu schlagen - sein musikalisches pulsiert weiter. Bedauerlicherweise ist aus der 50jährigen Historie als "recording artist" zur Zeit nur ein Bruchteil als Tonträger erhältlich. Wunderbare Alben aus den frühen 70er Jahren, die klassischen Prime Time Aufnahmen aus den 80ern und selbst seine letzte reguläre Veröffentlichung "Sound Grammar" sind vergriffen. Eine baldige Wiederveröffentlichung wäre wünschenswert.

Ornette Coleman / Beauty Is A Rare Thing / Rhino/Warner, 6-CD-Box-Set, € 29,99 / Original Album Classics, 5-CD-Set, € 19,99

Colemans legendärer Status gründet vor allem auf seinen frühen Aufnahmen für Atlantic Records zwischen 1959 und 1961. Im Quartett mit Don Cherry, Charlie Haden und Billy Higgins respektive Ed Blackwell nahm er Alben wie "Shape Of Jazz To Come", "Change Of The Century", "This Is Our Music", "Ornette" oder "Free Jazz" (im Doppel-Quartett mit Freddie Hubbard, Eric Dolphy und Scott LaFaro) auf. Dieses Material ist einzeln erhältlich, es gibt die Alben aber auch als Set in der "Original Album Series" (schmale Box mit Papersleeves) sowie in der definitiven Variante, dem Box-Set "Beauty Is A Rare Thing - The Complete Atlantic Recordings". Enthalten sind alle acht US-Alben, ein neuntes, das nur in Japan veröffentlicht wurde, zwei Instrumentals für Gunther Schullers "Jazz Abstractions" sowie sechs zuvor unveröffentlichte Stücke. Sieben Stunden Jazzgeschichte und Musik, die auch 55 Jahre nach ihrer Entstehung nichts von ihrer Vitalität und Frische eingebüßt hat.

Ornette Coleman Trio / At The Golden Circle, Stockholm 1 + 2 / Blue Note/Universal / je 1 CD, € 9,99 / Vol 1., 1 Vinyl, € 12,99

Die drei Herren im Schnee auf dem Cover der zweiteiligen Veröffentlichung von Konzertmitschnitten in Stockholm im Winter 1965 sind Ornette Coleman, der Bassist David Izenzon und der Schlagzeuger Charles Moffett. Die neue Besetzung nach einer musikalischen Schaffenspause beweist Spielfreude und blindes Verständnis und auf "Snowflakes and Sunshine" greift Coleman gar zu Violine und Trompete.

Ornette Coleman, Pat Metheny / Song X / Nonesuch/Warner / 1 CD / € 15,99

Auf Pat Metheny als Kollaborateur von Ornette Coleman kommt man nicht ohne weiteres. Zusammen mit dem unvermeidlichen Charlie Haden sowie mit Jack DeJohnette und Ornettes Sohn Denardo am Schlagzeug entstanden in einem New Yorker Studio im Dezember 1985 diese vierzehn fokussierten kollektiven Improvisationen für das Album "Song X". Sie sind mindestens ebenbürtig zu den Prime Time-Aufnahmen und dürften Methenys konventionellere Hörerschaft nachhaltig verunsichert haben.

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