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Aus dem Haus

Aktuelle Jazz-News: Persönliche Tipps und Rezensionen

  • 29.08.2015

Die hochsommerliche Hitze der vergangenen Wochen hat uns nicht davon abgehalten, die besten neuen Jazz-Platten durchzuhören. Lesen Sie hier die Plattenrezensionen aus unserem aktuellen Newsletter

Viel Spaß beim Lesen und bis bald in unserer Jazz-Abteilung!


Greg Foat Group / Dancers At The Edge Of Time / Jazzman/Groove Attack / 1 CD € 15,99 / 1 Vinyl € 22,99

Akkorde einer Kirchenorgel wehen wie Nebel durch das Intro und dann bei 0:50 durchbricht eine Saxophon-Sonne den Schleier, Bassnoten wandern durch die Klanglandschaft, das Schlagzeug stolpert nebenher und ich assoziiere das Jahr 1973: "Us And Them" von Pink Floyds "Dark Side Of The Moon". Eine Tür wird geöffnet: Track 2, "The Door Into Summer". Sanfte Brisen von Flügelhorn und Flöten, perlende Pianokaskaden, dann fällt die Tür ins Schloss und die Jagd beginnt: Track 3 "The Hunt". Eröffnet von einer memorablen Fanfare nimmt ein Breakbeat die Fahrt auf und das Saxophon galoppiert vom Zügel. In "Hygeia" umgarnen sich akustische Gitarre und Piano in entspanntem Tempo, Flöte und Saxophon duellieren sich spielerisch und lassen siebeneinhalb Minuten wie im Flug vergehen.

Das Quintett des britischen Pianisten Greg Foat war bisher ein unbeschriebenes Blatt für mich, obwohl "The Dancers At The Edge Of Time" schon das vierte Album dieser Formation seit 2011 ist. Im Sommer 2014 verbrachte die Band zusammen mit einigen befreundeten Musikern und einer Tonne analogen Equipments vier heiße Tage in einer alten Kirche an der Südküste der Isle of Wight mit den Aufnahmen für "Dancers". Neben der vermutlich angenehmen Temperatur profitierten Foat und seine Mitstreiter auch von der Kirchenorgel und der Raumakustik, deren natürliches Echo jeder gespielten Note eine hypnotische Qualität verleiht, die auch die beste Studiotechnologie nicht zu simulieren vermag.

Die neun Kompositionen sind allesamt meisterhaft. In überwiegend entspanntem Tempo entwickeln sich die Songs organisch mit attraktiven Akkordfolgen und schlüssigen instrumentalen Improvisationen. Das Resultat ist nominell Jazz, besitzt aber eine warme psychedelische Note, die auch Freunden progressiver Rockmusik oder Radiohead-Fans interessieren sollte. Ich könnte jedenfalls noch seitenlang von diesem exzeptionellen Album schwärmen, das viele Assoziationen erlaubt, aber mit nichts Aktuellem vergleichbar ist.

Technisches Detail: Der letzte Track "Rocken End" ist auf der CD-Version fast 15 Minuten lang, geht aber nach ca. 3 Minuten in "beach ambience", sprich Meeresrauschen, über. Die Vinyl-Version spielt die drei Minuten, das "beach ambience" gibt es als endlose Auslaufrille.

The Bad Plus Joshua Redman / Nonesuch/Warner / 1 CD / € 19,99

Das erfindungsreiche amerikanische Trio The Bad Plus hat bislang nicht den Eindruck erweckt, auf kreative Unterstützung zusätzlicher Musiker scharf zu sein. Etwas überraschend kommt daher ein komplettes Album mit dem renommierten Saxophonisten Joshua Redman - überraschend auch, weil alle Beteiligten in den letzten ein, zwei Jahren eine Vielzahl unterschiedlicher Projekte realisiert und veröffentlicht haben. Die Zusammenarbeit wurzelt in einer Serie gemeinsamer Gigs im New Yorker Blue Note Club in 2011 und resultierte drei Jahre später in den Aufnahmen für das jetzt vorliegende Album. Sieben der neun Tracks sind neue Kompositionen, "Dirty Blonde" und "Silence Is The Question" stammen von frühen Alben der Band. Die Credits verteilen sich dabei auf alle vier Musiker.

Das Erstaunliche zuerst: Trotz der Mitwirkung eines, bei allem Respekt, eher traditionellen Jazzers wie Redman, ist das Album alles andere als ein klassisches "jazz date". Zwar gibt es ausreichend Merkmale, wie solistische Improvisation oder "call and response". Struktur und rhythmischer Rahmen verweisen aber eher auf Rock und zeitgenössische E-Musik. Bei den meisten Titeln handelt es sich um herausfordernde Sperrfeuer von Ideen voller unerwarteter Wendungen und Stimmungsveränderungen. Redman agiert dabei zeitweilig wie der Frontmann einer Rockband, die rhythm section spielt mit den Grenzen und Freiräumen des klassischen Backbeats. Beispielhaft schon der Opener "As This Moment Slips Away". Gehalten von einem engen rhythmischen Korsett verweben sich Saxophon und Piano in einfachen, repetitiven Linien, die zunehmend flüssiger und komplexer werden. Durch den forsch galoppierenden Spaßmacher "Country Seat" toben die vier Instrumente wie aufgedrehte Kinder über einen Spielplatz und in das dreiminütige freejazzige "Faith Through Error" passt sogar ein kurzes Drumsolo. Bei klassisch anmutenden Nummern, wie der großartigen Ballade "Lack The Faith But Not The Wine", wird der Mehrwert, den Redman für die Formation produziert, besonders deutlich. Seine oft majestätischen Melodiebögen erden die cleveren kompositorischen Tricks und Finessen, die The Bad Plus gelegentlich übermotiviert wirken lassen.

"The Bad Plus Joshua Redman" ist ein exzellentes und rares Beispiel dafür, wie gedankliche Freiheit beim Umgang mit musikalischen Traditionen in selten betretene Territorien führen kann. Und das top designte Cover beweist nebenbei, dass Schlagzeuger David King auch als Gebrauchsgrafiker ein gutes Auskommen hätte.

Sehen und hören Sie hier den Album-Opener.

Martin Tingvall / Distance / Skip Records/Soulfood / 1 CD € 17,99 / Vinyl in Vorbereitung

Zum zweiten Mal nach dem Solodebüt "En Ny Dag" von 2012 verzichtet der schwedische Pianist Martin Tingvall auf die beiden Mitstreiter seines Trios. Vorab veröffentlichte Stellungnahmen über die Suche nach Distanz zur Schnelllebigkeit des digitalen Zeitalters und der Inspirationsquelle Island, wo ihm neue Perspektiven eröffnet wurden, riefen in mir leichte Befürchtungen hervor, die jedoch schon mit den ersten Tönen des Albums weggewischt wurden. Tingvall hat mittlerweile einen sofort identifizierbaren eigenen Ton entwickelt, der meilenweit entfernt ist von austauschbaren esoterischen Klavierträumereien. Sein Gespür für eingängige Melodien und für die positive Seite von Melancholie eröffnet ihm trotzdem den direkten Zugang zu den Emotionen seiner Hörer. Das Spektrum reicht wieder von sanften, klassisch anmutenden Themen ("Requiem") bis hin zu kraftvollen, bassbetonten Stücken ("The Hunt"). Mitten im Album platziert ist "A Blues": ein massiver Groove, der an Nat Adderleys "Work Song" erinnert. Als Klammer fungiert das Titelstück, das im Opener auf dem Steinway und im Abspann am Fender Rhodes Piano gespielt wird. Alle zwölf Songs sind Eigenkompositionen, die Tingvall in zwei Tagen Anfang des Jahres im Nilento Studio nahe Göteborg eingespielt hat.

"Distance" ist ein strahlendes Beispiel für den Zauber des Einfachen und wird hiermit jedem Hörer von Klaviermusik - sei es Satie, Jarrett oder Yiruma - unbedingt ans Herz gelegt.

Sehen Sie hier einen Trailer zum Album.

VOCAL JAZZ

Aus der Vielfalt der Vocal Jazz-Veröffentlichungen haben wir für Sie zwei in Ansatz und Ausführung höchst unterschiedliche Empfehlungen selektiert.

Kurt Elling / Passion World / Concord/Universal / 1 CD / € 19,99

Der weitgereiste amerikanische Jazzsänger Kurt Elling hat für sein mittlerweile elftes Studioalbum eine Auswahl seiner sogenannten "audience charmer" kompiliert, Titel, die er auf seinen Tourneen, meist als Zugabe, in der jeweiligen Landessprache singt, um die Verbindung zu seinem Publikum und dessen Kultur zu dokumentieren. Das Spektrum der Herkunftsländer ist zwar frei von Überraschungen (Brasilien, Kuba, Frankreich Deutschland Großbritannien), die Songauswahl und Umsetzung kann aber als erlesen bezeichnet werden. Neben offensichtlichen Klassikern wie "La Vie En Rose" (aufgenommen in Köln mit der WDR Big Band und einem brillanten Saxophon-Solo von Karolina Strassmayer) gibt es eher regionale Favoriten wie das kubanische "Si Te Contara" oder komplette Überraschungen wie "Nicht wandle, mein Licht" aus den Liebeslieder-Walzer-Zyklen von Johannes Brahms. Ursprünglich instrumentale Kompositionen wurden von Elling mit Texten versehen, wie das umwerfende "Bonita Cuba" von Arturo Sandoval (dass er mit dem Großmeister persönlich in dessen Haus in LA aufnahm) oder Richard Gallianos Ode an Billie Holiday, das bei Elling zu "The Tangled Road" wurde, inklusive Trompetensolo von Till Brönner. Bei der Ansammlung illustrer Gastmusiker und verschiedener Aufnahmeorte arbeitete Elling auch dieses Mal überwiegend mit seinem bewährten Quartett zusammen. Dieser Aspekt und die Intensität von Ellings gesanglicher Performance ergeben bei aller stilistischen und regionalen Vielfalt ein Album wie aus einem Guss.

Susana Sawoff / Bathtub Rituals / Sevenahalf/Broken Silence / 1 CD / € 17,99

Die große weite Welt findet man bei Susana Sawoff eher in der Herkunft ihrer Eltern. Der Vater ein in Österreich geborener Australier (nennt man das Austro-Australier?), die Mutter Spanierin, sie selbst eine Grazerin, die zur Zeit in Hamburg lebt. Ihr zweites Album will auch nicht hinaus in die Ferne, sondern lieber erst mal in die Badewanne. "Pour a bag of salt into our tiny sea, it's the poor man's gold, so dive in with me" singt sie im Titelstück zusammen mit dem isländischen Multitalent Helgi Jonsson, der auf der Hälfte der Songs des Albums auch Posaune spielt. Ansonsten wird die autodidaktische Pianistin und Sängerin nur von dem Bassisten Christian Wendt und dem Schlagzeuger Joerg Haberl begleitet. Die zehn selbst geschriebenen Songs sind allesamt charmante, leichtfüßige Jazz-Pop-Perlen voll lebenskluger Alltagsbeschreibungen in origineller, unverbrauchter Sprache. Sawoffs Gesang ist angenehm direkt, natürlich und unverkrampft, trotzdem nuanciert auf die Inhalte abgestimmt, die Instrumentierung punktgenau und Song-orientiert. Wir geben dafür zehn Schaumkronen!

75. GEBURTSTAG SIGGI LOCH
The ACT Man. A Life In The Spirit Of Jazz. Siggi Loch 75 / 5-CD-Box / € 42,99

Am 6. August wurde Siggi Loch, Musikmanager, Produzent und Gründer des unabhängigen Jazzlabels ACT Music 75Jahre alt. Ein "Record Man" alter Schule, erlernte er das Geschäft von der Pike auf. Er startete als Vertreter, wurde bald Jazz-Chef bei Phonogram und begann zusätzlich seine Produzententätigkeit. Mit nur 26 Jahren war er der jüngste Chef einer internationalen Plattenfirma (Liberty/UA), später stieg er bis zum Vizepräsidenten von WEA International (heute Warner Music) auf. Nach 30 Jahren im Dienst der Majors wagte er mit Fünfzig den Karriereschnitt und erfüllte sich mit der Gründung eines eigenen unabhängigen Jazzlabels einen Lebenstraum. Seine Firma ACT Music entwickelte sich trotz weltweit rückläufiger Tonträgerverkäufe zu einer Erfolgsgeschichte und ist heute neben ECM das bedeutendste deutsche Jazzlabel.

Sein ausgeprägtes Gespür für musikalisches Talent hat diversen Musikern den Durchbruch ermöglicht und das Festhalten an behutsamer und langfristiger Karriereplanung belohnen seine Künstler mit Verbundenheit zum Label auch nachdem der Erfolg eingesetzt hat. Wolfgang Haffner, Nils Landgren, Nguyen Le, Viktoria Tolstoy, Youn Sun Nah oder neuerdings Michael Wollny könnten sicher problemlos bei Majors unterkommen, bevorzugen aber die künstlerischen Freiheiten und die familiäre Atmosphäre, die ihnen bei ACT geboten wird.

Im Herzen Europas angesiedelt, kümmert sich ACT vor allem um den europäischen Jazz. Der Schwerpunkt bei den bisherigen etwa 400 Veröffentlichungen liegt bei deutschen und skandinavischen Interpreten, in den letzten Jahren kommen zunehmend Künstler aus boomenden Jazz-Ländern wie Frankreich und Polen dazu. Auffällig auch der große Anteil an Weltklasse-Pianisten völlig unterschiedlicher Art, von Altmeistern wie Joachim Kühn bis zur neuen Generation wie Rantala, Simcock oder Mozdzer. Auch das bestverkaufte ACT-Album aller Zeiten ist ein Klavierwerk: Bugge Wesseltofts Winterklassiker "It's Snowing On My Piano" aus dem Jahr 1998.

Aus Anlass des 75. Geburtstags hat ACT in limitierter Auflage eine handliche kleine Box veröffentlicht, die den Wahlspruch des Labels auf ihren Gründer anwendet. "The ACT Man - A Life In The Spirit Of Jazz" verteilt 65 Siggi Loch-Produktionen von 1963 bis heute auf 5 CDs. Die Alben sind thematisch kompiliert. Die ersten beiden CDs bieten ein interessantes Sammelsurium aus Jazz, Blues und Rock der 60er und 70er mit hochkarätigen Namen wie Dave Brubeck, Larry Coryell, Muddy Waters oder Buddy Guy. Die dritte CD "Crossing Borders" widmet sich den Fusionen aus Jazz und Weltmusik, wie den Jazzpana-Projekten. Auf CD vier gibt es einen Querschnitt durch das Kernprogramm des Labels und Teil fünf gehört dem jüngsten Erfolgsprojekt von Siggi Loch, der Reihe "Jazz At Berlin Philharmonic".

Wir schließen uns hiermit allen Gratulanten an und wünschen Siggi Loch nachträglich alles Gute zum Geburtstag. Auf die nächsten 20 Jahre mit ACT und im Geiste des Jazz! Wer mehr über den faszinierenden Lebensweg des Siggi Loch erfahren möchte, sollte sich die kurzweilige Biographie "Plattenboss aus Leidenschaft" nicht entgehen lassen.

JAZZY THING
onlinejazzradio.de

Mit Interviews, Plattenrezensionen und einem Mini-Blog berichtet onlinejazzradio.de von der nationalen und internationalen Jazz-Szene.

Herzstück des Angebots ist ein Podcast, der regelmäßig live im Berliner Studio mit interessanten Gästen produziert wird. Gründer, Programmchef und Moderator bei onlinejazzradio.de ist Nabil Atassi. Er arbeitet als Journalist, Autor und Moderator unter anderem für NDR Jazz, Funkhaus Europa, Jazzthing und Jazzthetik. 2013 erhielt er den WDR-Jazzpreis für herausragende Radiobeiträge im Jazzbereich.

Wir sagen: einfach mal anklicken und durch die verschiedenen Beiträge stöbern!

 

 

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