Aus dem Haus

Aktuelle Jazz-News: Plattentipps persönlich rezensiert

  • 17.10.2015

In der aktuellen Ausgabe des Jazz-Newsletters hat Hannes Kraus, unser Hauptabteilungsleiter Musik / Film, seine Plattentipps in persönlichen Rezensionen vorgestellt. Sehen Sie hier seine Empfehlungen. Wenn Sie die Plattentipps aktuell per E-Mail erhalten möchten und an exklusiven Gewinnspielen teilnehmen wollen, abonnieren Sie den Newsletter hier.

UNSERE EMPFEHLUNG

Doran, Stucky, Studer, Tacuma / Call Me Helium (Doran, Stucky, Studer, Tacuma play the Music of Jimi Hendrix) / Double Moon Records (In-Akustik), 1 CD / € 17,99

Schon 2005 widmete sich das Trio Doran, Stucky und Studer mit Unterstützung von Kim Clarke am Bass auf dem Album "Jimi" dem Oeuvre von Jimi Hendrix. Jetzt, zehn Jahre später, übernimmt Jamaaladeen Tacuma die Rolle von Clarke am Bass. Gehen wir noch weiter zurück, dann finden wir 1994 bereits das Album "Christy Doran, Freddy Studer, Phil Minton, Django Bates, Ali Amin play the music of Jimi Hendrix", welches für die Linie in der Beschäftigung mit der Musik des wohl spannendsten Rock Gitarristen unserer Zeit die Ursuppe darstellt. Wenn dann auf dem aktuellen Album Brücken geschlagen werden zwischen "Hey Joe" und "Who knows" und alles zusammengehalten wird von dem unfassbar gut passenden Gesang von Erika Stucky, dann weiß man, dass es sich nicht nur um Heldenverehrung dreht, sondern dass man ein ganz und gar überwältigendes Werk erwarten kann. Die unkonventionelle Art des Herangehens prägt das Album. Vor allem die Gitarrenarbeit von Christy Doran dominiert, sie übertüncht aber nie die rhythmische Landschaft von Tacuma und Studer, sondern lässt auch hier an vielen Stellen Raum für deren kongenial groovende Rhythmusarbeit. Wenn Jazzmusiker sich mit Hendrix beschäftigen und daraus ein Rock Album mit jazzigen Untertönen wird, ist das sicherlich eher ungewöhnlich. Aber dieses Quartett feuert aus allen Rohren und spätestens bei "Foxy Lady" ist der geneigte Hörer in dem Kosmos angelangt, der die Band antreibt und diesen faszinierenden Sound kreiert.


UNSERE EMPFEHLUNG
Chloe Charles / With Blindfolds On / Make My Day Records (Indigo) / 2LPs + Bonus-CD / € 16,99

Die Kanadierin Chloe Charles, Stiefschwester von Julian Lennon, hat schon eine eigenwillige Mischung aus Pop, Jazz und Indie am Start. Bereits auf ihrem ersten Album "Break The Balance" von 2012 ist diese stilistische Gratwanderung zur erleben, aber erst jetzt, bei "With Blindfolds On" kann man die Verschmelzung der Eckpunkte wahrlich erhören, gewürzt mit einer Prise modernem Soul. Ihr angenehm erdiges Timbre trägt ihre Songs auf ergreifende Weise. Der Geist vom Laurel Canyon und Joni Mitchell schwebt durch "Hold Me". "Fans" hat reduzierte Kammerpop-Elemente und steigert sich in einen furiosen Mittelteil, um dann über einen symphonischen Teil einem Schmerz Ausdruck zu verleihen: "Let's cut the bond and move along/give up on me/ you've wasted energy for far too long". Aber ist das alles noch oder schon wieder Jazz? Schwer zu beantworten, aber es gab dieses Jahr bereits einige Alben von Jazz-Künstlern, die klare Pop-Tendenzen hatten. Ich erinnere dabei nur an das aktuelle Melody Gardot-Album "Currency Of Man". Ob Chloe Charles diese Dimension der Wahrnehmung erreichen kann, wird die Zeit beantworten. Für den Moment ist das herausragende an diesem Album, dass es in jeder Lebenslage funktioniert. Eine Art universeller Soundtrack, befeuert durch die cleveren Arrangements, das exzellente Songwriting und Chloe selbst, die alles an Gefühl in die Interpretation dieser wahrlich großen Kompositionen und lyrischen Texte legt. Durchhalten bis "Tulip", dem letzten Song des Albums, fällt leicht, zumal es diese aufregenden Nuancen gibt, die sich erst beim dritten oder vierten Hören offenbaren. Das ist die große Qualität von "With Blindfolds On". Und wie singt sie in diesem letzten Nachgedanken: "Baby you're my tulip/sun shines from your eyes/you bring spring with your laughter/a tulip in wintertime". Besser könnte ich die Wirkung des Albums auch nicht zusammenfassen.

UNSERE EMPFEHLUNG
Yaron Herman / Everyday / Blue Note France (Universal) / 1 CD / € 17,99

Yaron Herman bringt es mittlerweile auf acht Alben, wenn man das erste nur gebrannt erhältliche Werk von 2001 außen vorlässt. "Everyday" ist sein erstes Album bei Blue Note France. Zuvor hat er unter anderem bei Act veröffentlicht. Nach wie vor gelingt es ihm, Hörgewohnheiten aufzubrechen. Sei es in den teilweise sehr kurzen Stücken, die die einzelnen Segmente des Albums verbinden, aber auch in der Abfolge der Werke auf dem Album. Im Opener "Fast Life" lässt er rhythmische Klavierläufe vom Stapel, die einem wie gewohnt in seine Welt hineinziehen, bevor dann (Achtung: definitiv ohne Loudness oder voll aufgedrehtem Bass hören, zumindest an dieser Stelle) mit "Vista" und dem herausragenden Ziv Ravitz an Drums und Percussion das rhythmisch Ultramoderne Einzug hält - in diesem Falle zu Beginn fette Hip Hop Beats, die sich allmählich in Richtung ausuferndes Jazz Feeling bewegen. Das herausragende an "Everyday" ist die Verschmelzung eines Musikkanons, der sich ebenso traumwandlerisch in der Tradition des Jazz bewegt, wie auch in der Moderne mit Ausflügen in die zeitgenössische Neue Musik und Popmusik. Interessant ist auch das als Zwischenspiel integrierte "Prelude No4 Opus 74" von Alexander Scriabin, vor dem "Volcano" steht (der poppigste, an Sting erinnernde Moment), und dem nach einem Moment der Ruhe "Children Don't Always Play Fair" folgt: einer kurzen, hektischen Tour De Force, die musikalisch nicht nur wegen der Xylophon Sprengsel an das Treiben auf einem Spielplatz erinnert. Die intensive Spielfreude, die hier von den beiden Protagonisten Herman und Ravitz an den Tag gelegt wird, ist atemberaubend, flüssig und innovativ, eben auch weil es den Beiden gelingt, Schubladendenken zu pulverisieren und den Kopf zu öffnen. Funktioniert tatsächlich bei einer Autobahnfahrt, im stillen Kämmerlein und im Büro und hat mit "18:26" einen wundervoll perlenden Ausklang, in dem die Dichte der Musik in Verbindung von Schlagzeug, Klavier und Mantra-artigem Gesang einen Schlusspunkt setzt, zu dem es ein Leichtes ist, via der zwölf Titel davor ohne Abnutzungserscheinungen den Weg immer wieder zu beschreiten.

KONZERT DES MONATS
Lizz Wright / Freedom & Surrender / Universal / 1 CD, € 17,99 / Vinyl erhältlich ab 27.10., € 24,99

12 Jahre ist es mittlerweile her, seit die aus Georgia stammende Tochter eines Predigers Jazz- und Soul-Fans gleichermaßen mit ihrem Debütalbum "Salt" verführte. Diese fein nuancierte, ausdrucksstarke Qualität ihrer Stimme, gepaart mit einer sinnlichen Klangfarbe, ließen sie schon damals als einzigartiges Talent heraus stechen - und das mit nur 23 Jahren! Nun, fünf Alben später, ist ihre Musik auf "Freedom & Surrender" eine nicht zu verortende Mischung aus Folk, Pop, Country, Jazz, Soul und Gospel-Elementen, die sich zu einem einzigartigen, organischen und persönlichen Stil verschmolzen haben. Mit dem Produzenten Larry Klein (u. a. Joni Mitchell, Tracy Chapman) am Ruder sowie Songwriting-Input von J.D. Souther und Jesse Harris (Norah Jones) plus einem Duett mit Gregory Porter für das wunderbare "Right Where You Are" hat Lizz Wright mit "Freedom & Surrender" ihr zweifelsfrei bestes Album abgeliefert. Die Höhepunkte sind unter anderen "Freedom", "Somewhere Down the Mystic" und das Cover des Bee Gees-Songs "To Love Somebody". Ein besonderes Highlight ist auch das Cover von Nick Drakes "River Man", bei dem es Wright meisterhaft gelingt, die mysteriöse Atmosphäre des Originals zu behalten und dem Titel dennoch eine eigene Note zu verleihen. Unterstützt wird sie dabei von einem wunderbaren Flügelhornsolo von Till Brönner.

Sehen Sie hier einen Behind-the-Scenes-Film.

Lizz Wright spielt am 26. Oktober im Heimathafen Neukölln. Tickets erhalten Sie unter anderem an der Konzertkasse Interklassik im Erdgeschoss vom KulturKaufhaus.

 

 

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