Aus dem Haus

Aktuelle Jazz-News: Neue Jazz-Platten frisch rezensiert

  • 16.12.2015

Wieder ist ein Jahr vorbei und wieder ist es Zeit, die spannendsten Veröffentlichungen der letzten Monate Revue passieren zu lassen. Im aktuellen Jazz-Newsletter lenkt unser Musik-Mitarbeiter Stefan Schmidt Ihren Blick auf einige Perlen des Jazz-Jahres 2015 und legt Ihnen Platten ans Herz, die Sie unbedingt noch hören sollten, bevor uns das nächste Jahr wieder viele neue Releases ins Haus bringt. Und was in einem Newsletter so kurz vor Weihnachten natürlich auch nicht fehlt, sind zwei Christmas Records-Tipps.

ROUND-UP 2015

 

Unser Jazz-Jahresrückblick

Wenn es stimmt, dass unruhige Zeiten die künstlerische Vielfalt und Ausdruckskraft befeuern, dann ist das Jahr 2015, zumindest was Musik betrifft, keine Ausnahme. Regelmäßig zum Jahresende durchforste ich meine CD- und Vinylstapel nach den Neuzugängen, die mir in den vergangenen Monaten besonders gut gefallen haben und dieses Mal ist eine beeindruckende Anzahl an Platten zusammen gekommen. Erfreulicherweise zieht sich dieses kreative Hoch durch alle Bereiche der populären Musik. Offensichtlich befreit die fehlende Perspektive, im Schoße einer großen Plattenfirma schnell reich und berühmt werden zu können, viele Musiker vom Zwang zur Konformität. Die Resultate sind wieder aufregend und inspirierend.

Wir haben Ihnen im vergangenen Jahr drei Dutzend neue Alben vorgestellt (und eine ähnliche Anzahl von Klassikern empfohlen), von denen etliche jetzt in den Jahreslisten renommierter Fachzeitschriften oder Onlineportalen auftauchen. Erlauben Sie mir daher einen Exkurs zu unseren vergangenen Reviews, bevor ich Ihnen noch einige Perlen präsentiere, die wir aus Zeit-oder Platzgründen nicht ausführlicher besprechen konnten:

Der französische Akkordeonist Vincent Peirani hat in diesem Jahr mit "Living Being" (ACT) zumindest in weiten Teilen Europas den Durchbruch geschafft und wurde gleich mit zwei Jazz Echos prämiert. Rudresh Mahanthappa gewann mit seiner Charlie Parker-Hommage "Bird Calls" (ACT) den Kritikerpoll des Downbeat Magazins in der Rubrik "Album des Jahres. Bestes Jazzalbum 2015 bei Popmatters wurde das auch von uns hoch gelobte The Bad Plus Joshua Redman (Nonesuch Records). Das Berliner Konzert von Snarky Puppy, deren Album "Sylva" (Impulse!) wir im Mai vorgestellt hatten, wurde wegen der großen Nachfrage ins Huxleys verlegt und war auch dort ausverkauft. Eines unserer liebsten Pianotrios, das Giovanni Guidi Trio, präsentierte das Album "This Is The Day" (ECM) unlängst auf dem Jazzfest.

Neue Impulse für den Jazz kommen definitiv von Künstlern, die nicht aus dem anglo-amerikanischen oder westeuropäischen Kulturkreis stammen. Bislang ungehörte Fusionen aus Jazz und traditioneller Folklore, gespielt von jungen, klassisch ausgebildeten Musikern mit einer Affinität zu Rock oder Electro, erweitern nicht nur den konventionellen Kanon, sondern bringen neue, jüngere Hörer mit Jazz und seinen Traditionen in Berührung. Leuchtende Beispiele im vergangenen Jahr waren für uns der armenische Pianist Tigran Hamasyan mit seinem fantastischen Album "Mockroot" (Nonesuch) und der in der vorigen Ausgabe ausführlich vorgestellte libanesisch-französische Trompeter Ibrahim Maalouf.

Absolute Highlights gab es auch im vermeintlich siechen Genre Vocal Jazz, wo sich eben nicht nur geschniegelter Nachwuchs an der 3124. Version von "My Funny Valentine" abarbeitet. Vor allem einige Ladies setzten 2015 Maßstäbe. Vorneweg Melody Gardot mit ihrem akustischen Film Noir "Currency Of Man" (Decca), einem faszinierenden Streifzug durch die Welt gesellschaftlicher Randexistenzen, klanglich runtergedimmt auf 432hz. Vielleicht mein Album des Jahres. Am anderen Ende des Stimmungsspektrums angesiedelt ist das aktuelle Werk von Lizz Wright, der schönsten Stimme des zeitgenössischen Jazz. "Freedom And Surrender"(Concord) ist selbstbewusst, reflexiv und sinnlich. Beide Alben wurden übrigens vom großartigen Larry Klein produziert.

 

ROUND-UP 2015
Vijay Iyer Trio / Break Stuff / ECM / 1 CD / € 19,99

Pianist Vijay Iyer, Bassist Stephan Crump und der Schlagzeuger Marcus Gilmore bilden das momentan vielleicht spannendste Trio im Jazz. "Break Stuff" verweist schon im Titel auf ein Spannungselement aus Jazz, Hip Hop oder auch elektronischer Clubmusik, der das Trio im Track "Hood" knisternd Referenz erweist. Richtungsweisend, aber verwurzelt in der Historie (Cover-Versionen von Monk und Coltrane), befinden sich die drei Ausnahmekönner in ständiger rhythmischer Konversation, die nahtlos Techniken und Genres verbindet. Musik, die infrage stellt und gleichzeitig überraschende Antworten findet.

ROUND-UP 2015
Frederik Köster & Die Verwandlung / Tension/Release / 1 CD / € 16,99 // Sebastian Sternal / Sternal Symphonic Society Vol.2 / 1 CD / € 16,99 //Köster & Sternal / Canada / 1 CD / € 16,99 (alle Alben sind bei Traumton erschienen)

Die unbedingte Bereitschaft zur Veränderung trägt das Quartett Die Verwandlung um den deutschen Trompeter Frederik Köster schon im Namen - und auch der Titel der neuen CD lässt die Auseinandersetzung mit yogischen Grundsätzen vermuten. Tatsächlich klingt hier kein Track wie der andere - dynamische Vielfalt und unterschiedlichste Stimmungen prägen dieses sorgfältig arrangierte Album. Die hervorragend eingespielte Formation ermöglicht Köster, seine an Freddie Hubbard oder Kenny Wheeler geschulte Technik effektiv auszuspielen. Pianist Sebastian Sternal hat derweil Folge 2 seines kammermusikalischen "Big Band"-Projekts Symphonic Society veröffentlicht und dafür den Preis der deutschen Schallplattenkritik 2015 erhalten. Die Formation vereint vier Jazzbläser (u.a. auch Frederik Köster), ein klassisches Streichquartett und das Pablo Held Trio. Außerdem erschien 2015 ein schon zwei Jahre zuvor in Kanada eingespieltes Duo-Album von Sternal und Köster (hier am Flügelhorn), das sich in zehn atmosphärischen Tracks von den Eindrücken ihres Aufenthalts inspirieren ließ.
 

ROUND-UP 2015
Kamasi Washington / The Epic / Brainfeeder / 1 CD, € 19,99 / 3 LPs, € 29,99

Und dann war ja da noch DAS EPOS. Wer hätte je damit gerechnet, dass ein Dreifach-Album mit orchestral-psychedelischem Hardcore Jazz eines selbst in Fachkreisen unbekannten Kaliforniers die erfolgreichste Jazzplatte des Jahres 2015 wird? "The Epic" (Brainfeeder) von Kamasi Washington ist zwar nicht die Rettung des Jazz, zu der sie von Feuilletonjournalisten ausgerufen wurde, aber ein exzellentes Jazzalbum ist es allemal. Ekstatisch, swingend, spirituell, erhaben, gespielt mit begeisternder Intensität und in der Tradition großer Vorbilder von Coltrane über Pharaoh Sanders bis zu Sun Ra oder Horace Tapscott. Wie das Plattencover schon assoziiert: überirdisch!

DREI AUS 2015, DIE SIE UNBEDINGT NOCH HÖREN SOLLTEN
Avishai Cohen / From Darkness / Warner / 1 CD / € 19,99

Avishai Cohen, der Bassist, stand medienmäßig zuletzt etwas im Schatten von Avishai Cohen, dem Trompeter. "From Darkness" bündelt alle Qualitäten dieses Ausnahmemusikers und seiner tollen Begleiter Nitai Hershkovits (Piano) und Daniel Dor (Drums). Telepathisches Zusammenspiel, Intensität und kompositorischer Reichtum heben das Album weit über die Masse der Piano Trio-Veröffentlichungen hinaus.

Shai Maestro / Untold Stories / Motema / 1 CD / € 17,99

Vorgänger von Hershkovits war zwischen 2006 und 2011 der damals noch blutjunge Shai Maestro. 2012 verabschiedete er sich in die Selbstständigkeit und arbeitet seither im Trio mit Drummer Ziv Ravitz und dem peruanischen Bassisten Jorge Roeder. Ihr drittes gemeinsames Album "Untold Stories" ist ein emotionsgeladenes Energiebündel, randvoll mit hochklassigem Material von atemberaubenden Grooves bis hin zu zarter Verspieltheit. Shai Maestro macht seinem Nachnamen alle Ehre.

Sehen Sie den Albumtrailer hier.

Myra Melford / Snowy Egret / Enja / 1 CD / € 18,99

Die amerikanische Pianistin Myra Melford ist in einer eher entlegeneren Galaxie des Jazz-Universums angesiedelt. Seit 1990 hat sie mehr als 20 überwiegend exzellente Alben veröffentlicht. In ihrem Werk verschmelzen unterschiedlichste kulturelle Traditionen und künstlerische Ausdrucksformen aus Literatur, Theater oder Tanz auf der Basis eines komplexen Sounds, der kenntnisreich die Spielarten des Jazz und Blues reflektiert. Ihr aktuelles Quintett Snowy Egret, u.a. mit dem Trompeter Ron Miles und dem Gitarristen Liberty Ellman, bezeichnet sie völlig zurecht als "Killerband". Die 10 Tracks des gleichnamigen Albums sind kompositorische Kleinode, rhythmisch vertrackt , trotzdem melodisch zugänglich. Wir hoffen, dass sie die geplante Europatour im Herbst 2016 auch nach Berlin führen wird.

Sehen Sie hier einen Auftritt von Myra Melford und Snowy Egret auf dem Chicago Jazz Festival 2014.

ZWEI TIPPS FÜR'S FEST
Barbara Dennerlein / Christmas Soul / MPS / 1 CD, € 16,99 / 1 Vinyl, € 19,99

Etwas seltsam wird es für Barbara Dennerlein und ihre Musiker schon gewesen sein, aus der Juli-Sonne des süditalienischen Bari in das dortige Sorriso Studio abzutauchen, um Weihnachtslieder aufzunehmen. Produzent Nicola Conte, ein Garant für luftig swingenden Nu Jazz, arbeitet aber nun mal am liebsten in seiner Heimatstadt. Lebkuchenaroma und den Duft von Tannenzweigen verströmt auf diesem Album allerdings nur die Titelauswahl, ansonsten dominiert knackig-frischer Partyjazz mit einem ordentlichen Schuss Funk und Soul. Schlittenfahrten sind hier sehr laid back und selbst das feierliche "Silent Night" kommt als cool groovende Nummer daher. Dennerlein macht ihrem Ruf als First Lady der Hammond Orgel alle Ehre und teilt sich mit dem Saxophonisten Magnus Lindgren die melodischen Tischfeuerwerke, ergänzt von einer vorzüglichen Rhythmussektion aus Bass Schlagzeug und Congas. Für die drei Gesangspartien fand man mit der jungen Britin Zara McFarlane eine der interessantesten neuen Jazzvokalistinnen. Und übrigens: Das hier so wunderbar swingende "Let It Snow" wurde im Sommer 1945 in einer kalifornischen Hitzeperiode geschrieben.

Klicken Sie hier für den Albumtrailer.

Brian Setzer Orchestra / Rockin Rudolph / Warner / 1 CD / € 16,99

Christmas Records vom Brian Setzer Orchestra kommen fast so regelmäßig wie der Nikolaus. "Rockin' Rudolph" ist das mittlerweile fünfte Weihnachtsalbum dieser ausgebufften Kapelle. Setzers Karriere begann in den 80ern als Gitarrist und Sänger des Retro-Rock'n'Roll-Trios Stray Cats. In den 90ern wechselte er das Fach und gründete mit dem BSO eine 18-köpfige Big Band, die klassischen Swing mit Rockabilly fusionierte. Dementsprechend sucht man hier vergeblich nach Besinnlichem. Hochtourige Partykracher mit fetten Bläsersätzen bringen die Tanne schon frühzeitig zum Nadeln. Nostalgischer Höhepunkt ist "Yabba Dabba Yuletide", eine rasante Version der Flintstones-Titelmusik.

 

 

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