Aus dem Haus

Neue Jazz-Alben für Sie rezensiert

  • 17.03.2016

Für unseren aktuellen Jazz-Newsletter stand ich vor einer echten Herausforderung: aus den neuen Jazz-Alben nur die Besten herauszusuchen. Denn sich bei so vielen guten neuen Platten auf ein paar wenige zu beschränken, ist manchmal gar nicht leicht. Jetzt hoffe ich natürlich, dass Ihnen die Perlen gefallen, die ich für Sie herausgepickt habe – und dass auch die kommenden Monate uns so viele gute Jazz-Releases ins Haus bringen.

Kommen Sie doch einfach in unserer Musik-Abteilung vorbei, hören Sie sich durch die Platten – und vielleicht entdecken Sie dabei ja einen heißen Tipp, den wir unbedingt hier im Jazz-Newsletter vorstellen sollten?

Bis bald,
Ihr Stefan Schmidt 

 
UNSERE EMPFEHLUNG
Jaimeo Brown Transcendence / Work Songs / Motéma (Membran) / 1 CD / € 15,99

Zu jeder Zeit und in allen Teilen der Welt haben die Menschen gemeinschaftliche harte Arbeit mit dem Klang der eigenen Stimme begleitet. Unsere heutige populäre Musik ist ein Glaspalast, in dessen Fundamenten die Überreste von Field Hollers und Chain Gang Chants ruhen. Transcendence, das Projekt des Schlagzeugers Jaimeo Brown und des Gitarristen Chris Sholar, konstruiert auf seinem zweiten Album "Work Songs" auf sensationelle Weise eine Verbindung zwischen traditionellen Liedern und Rhythmen mit den Beats und Sounds der Jetztzeit.

Die verwendeten Samples historischer und aktueller "field recordings" und selbst aufgenommener Industriegeräusche verschneiden Brown und Sholar kunstvoll mit wuchtigem Elektro-Blues oder einem an Coltrane geschulten Jazz, den die beiden Saxophonisten JD Allen und Jaleel Shaw verantworten. Brown sieht sich dabei gleichzeitig in der Tradition des legendären Musikethnologen Alan Lomax und der HipHop-Produzenten Jay Dilla und DJ Premier.

In "Lazarus", einem oft gesampleten Work Song aus Virginia, versinkt das gesungene Thema langsam in einem Strudel von nervösen Drums und JD Allens Tenorsaxophon. "Be So Glad" ist wie eine Spirale aus dem vom Piano begleiteten Gesangsthema und einem Drum'n'Bass-Groove, der wieder verdrängt wird vom vielstimmigen "I'll Be So Glad When the Sun Goes Down" des Gefangenenchors. Überzeugend auch die selbst geschriebenen Stücke - darunter der rohe, von Lester Chambers gesungene Stomp-Blues "Mississippi" oder "2113", ein eher chillig daherkommender Work Song für die Gleisarbeiter auf dem Mars in nächsten Jahrhundert.

Aus Mühsal und Unterdrückung erwuchs inspirierende Musik, die Zeugnis ablegt von Kämpfen, dem Überleben und letztendlich der Befreiung. Transcendence stellen dieses Erbe in den Kontext des Hier und Heute: als Inspiration und Verpflichtung.

Sehen Sie hier den Clip zum Albumtrack "For Mama Lucy".


UNSERE EMPFEHLUNG
Charles Lloyd & The Marvels / I Long To See You / Blue Note (Universal) / 1 CD / € 17,99

Charles Lloyd ist nicht nur einer der bedeutendsten Jazz-Saxophonisten, sondern ein Suchender, den seine Weltoffenheit und Spiritualität an unvorhersehbare Stationen führt. "Wild Man Dance", eine von europäischen Musiktraditionen beeinflusste improvisatorische Jazz-Suite, markierte 2015 seine Rückkehr zum Blue Note Label und begeisterte vor wenigen Monaten das Publikum beim Berliner Jazzfest.

Sein neuestes Projekt nennt er "The Marvels". Was sich nach einer Sixties-Surf-Combo anhört, vereint die grandiose Rhythmussektion aus Bassist Reuben Rogers und Drummer Eric Harland mit den beiden Gitarristen Bill Frisell und Greg Leisz. Das Repertoire besteht neben drei LLoyd-Originalen überwiegend aus Songs, die in der Tradition der weltweiten sozialen und politischen Widerstandsbewegungen verwurzelt sind: Dylans "Masters Of War" (ein kochender Opener), "Strangest Dream" mit dem anrührenden Gesang von Country-Ikone Willie Nelson, "All My Trials" oder die lateinamerikanische Ballade "La Llorona".

Entstanden ist ein essentiell amerikanisches Album. Die harmonische Vertrautheit von Blues, Folk und Country wird verstärkt durch ein Sounddesign, das auf warme Farben setzt: fließendes Saxophon, runde Basstöne, Leisz' schwebende Steel Guitar, der saftige Puls des Schlagzeugs. Stellenweise, wie im Traditional "Shenandoah" (einem Frisell-Favoriten), bewegt sich das Resultat an der Grenze zu feierlichem Kitsch, aber selbst die von Norah Jones intonierte Pop-Ballade "You Are So Beautiful" bewahrt Lloyd mit hinreißend lyrischem Spiel vor der Klischeehaftigkeit.

Klassischen Jazz und eine Verschärfung des Tempos bieten nur die Eigenkompositionen. "Of Course, Of Course" swingt brutal, während sich Lloyds Flötenspiel mit den Gitarren duelliert. Höhepunkt ist das abschließende viertelstündige "Barche Lamsel", ein sich unablässig verbreiternder Strom kollektiver Töne und Sounds, der am Horizont in eine einzelne, lang gehaltenen Note des Saxophons mündet.

UNSERE EMPFEHLUNG
Kenny Barron Trio / Book Of Intuition / Impulse (Universal) / 1 CD / € 19,99

Was auf dem Cover aussieht wie drei Herren in der Raucherpause der Vorstandssitzung eines internationalen Konzerns, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als das Kenny Barron Trio. Neben dem Altmeister selbst sind mit dem Bassisten Kiyoshi Kitagawa und dem Schlagzeuger Jonathan Blake hier drei Jazz-Generationen in einer Formation vereint. Als Bühnenbesetzung schon länger aktiv, produzierten sie an zwei Tagen Anfang Juli 2015 in New York zusammen mit Jean-Philippe Allard (dessen Arbeitsethos als Label-Chef ähnlich dem von Don Was bei Blue Note zu sein scheint) ihr erstes gemeinsames Studioalbum "Book Of Intuition". Barron ist nicht nur ein versierter Pianist, sondern auch ein herausragender Komponist. Seine Veröffentlichungen sind durchwirkt von Ausflügen in den reichen Fundus des eigenen Songbooks. Hier werden neben drei Fremdtiteln (Monk, Haden) sieben, teils Jahrzehnte alte Eigenkompositionen wiederbelebt. Deren rhythmische und harmonische Klarheit bietet Raum für Neuinterpretationen. Sein Spiel ist wie immer virtuos und von einer extravaganten Aufgeräumtheit, die uptempo gelegentlich in der einen oder anderen zu viel gespielten Note resultiert. Meisterhaft sind die wenigen Balladen, vor allem die abschließende Charlie Haden-Komposition "Nightfall" (im Original gespielt vom unlängst verstorbenen großen britischen Pianisten John Taylor). Anmutig und elegant umspielen Barron und Blake hier die majestätischen Bassläufe Kitagawas.

"Book Of Intuition" erfindet nichts neu, ist aber Trio-Jazz der Extraklasse!

UNSERE EMPFEHLUNG
Logan Richardson / Shift / Blue Note (Universal) / 1 CD / € 17,99

Im Booklet zum neuen Album des 35-jährigen Saxophonisten Logan Richardson gibt es einen vierseitigen Comic, der seinen Crossroad-Moment bebildert. An der Ecke 18th und Vine Street im Jazz District seiner Heimatstadt Kansas City erscheint dem kleinen Logan (mit KC-Chiefs-Cap) ein seltsames Instrument - und kurz darauf in Gestalt von Ahmad Alaadeen der Lehrer, der ihn unter seine Fittiche nimmt. Am Ende der Zeitschiene befindet sich Richardson im Sear Sound Studio in New York zusammen mit Jason Moran, Nasheet Waits, Harish Ragavan und Pat Metheny, dem größten lebenden Jazzer aus Kansas City.

Das erstaunliche Resultat dieser wundersamen Reise ist "Shift" - zehn eigene Kompositionen plus einer geisterhaften Version des Bruno Mars-Hits "Locked Out Of Heaven". Die Qualität des Songmaterials ist der Schlüssel zum verblüffend organischen Bandsound dieser All-Star-Besetzung. Jeder der Beteiligten bekommt den Raum, seine individuellen Fähigkeiten auszuspielen, ohne die Mitspieler übertrumpfen zu müssen. Selbst Metheny, der selten in anderen Formationen spielt, setzt seinen unverwechselbaren Sound mannschaftsdienlich ein. Saxophon und Gitarre spielen oft parallele oder ineinander verschlungene Läufe, aufgelockert durch Morans Pianoperlen oder warmen Fender Rhodes-Sound und grundiert von Ragavans intensiv pulsierendem Bass und den rhythmischen Dekonstruktionen von Nasheet Waits.

Nach zwei eigenen Alben auf kleinen Labels und seiner Beteiligung im NEXT Collective galt Logan Richardson als vielversprechendes Talent. Mit seinem Blue Note-Debüt "Shift" hat er sich in die erste Liga der zeitgenössischen Jazz-Saxophonisten katapultiert.


Übrigens: In der Besetzung mit Nir Felder (Guitar), John Escreet (Piano), Max Mucha (Bass) und Tommy Crane (Drums) spielt Logan Richardson am 12. April 2016 um 21:00 im A-Trane in Berlin.

Sehen Sie hier den Clip zu Track 5 "Slow".


KONZERT DES MONATS
GoGo Penguin / Donnerstag, 7. April 2016 / 20:00 Uhr / Kuppelhalle des silent green Kulturquartier

Seit dem Debütalbum vor etwas über drei Jahren hat das britische Trio GoGo Penguin eine bemerkenswerte Karriere hingelegt. Ihr zweites Album wurde für den renommierten Mercury Prize nominiert und bescherte ihnen nicht nur ausverkaufte Konzerte rund um den Globus, sondern auch einen Vertrag über drei Alben mit Blue Note Records. Das erste davon, "Man Made Object", ist jetzt im Februar erschienen.

Im Kern ein akustisches Trio, bedienen sich Pianist Chris Illingworth, Bassist Nick Blacka und Schlagzeuger Rob Turner gleichermaßen bei Nu Jazz, Indie Rock oder elektronischer Clubmusik. Beeinflusst fühlen sie sich von Brian Eno, Claude Debussy, Massive Attack und Aphex Twin. Unvermeidbar als Referenz ist E.S.T. - Track 1 ihres Debütalbums "Fanfare" trägt den vielsagenden Titel "Seven Sons Of Björn".

Die Songs des neuen Albums entstanden weitgehend als prozessbasierte Kompositionen mit Hilfe der Software des Berliner Unternehmens Ableton und wurden danach von den Musikern akustisch reproduziert. Der Effekt ist ein positiv irritierendes Nebeneinander von kompositorischer Struktur und improvisatorischen Elementen. Illingworth hat ein Gespür für einnehmende Melodien und seine Intros schreien manchmal regelrecht nach einem Vokaleinsatz ("Quiet Mind"). Der treibende Bass und die electro-inspirierten Breakbeats von Blacka und Turner finden ihren Höhepunkt in "Smarra", einer rhythmischen Parforcejagd, die in weißem Rauschen endet.

Das silent green Kulturquartier befindet sich in der Gerichtstraße 35 im Wedding. Infos zum Konzert gibt's hier.

Sehen Sie hier GoGo Penguin live beim Reeperbahnfestival 2015.


JAZZY THING
Dokumentation „What Happened, Miss Simone?“

Dokumentarfilmerin Liz Garbus beleuchtet das Leben von Jazz-Legende Nina Simone anhand von nie zuvor veröffentlichten Aufnahmen, seltenem Archivmaterial und ihren bekanntesten Songs. Mit ihrer Version von "I loves you Porgy" zum Superstar aufgestiegen, wurde Nina Simone anfangs noch einzig in ihre Rolle als begabte Musikerin gedrängt. Jedoch politisierte sie sich im Verlauf ihrer Karriere immer weiter und wurde spätestens nach der Ermordung von Dr. Martin Luther King zu einer ambitionierten Stimme der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 60er-Jahre.

Die verschiedenen Phasen im Leben von Nina Simone bis hin zu den letzten Jahren in Europa, in denen sie immer wieder zwischen pleite, einsam, krank und gefeiertem Jazzfestival-Star schwankte, verwebt die Dokumentation zu einem detaillierten und stimmungsvollen Porträt einer getriebenen Künstlerin.

Die Dokumentation, die 2015 im Panorama-Programm der Berlinale zu sehen war, ist auf Netflix zu sehen.

Klicken Sie hier für den Trailer von "What Happened, Miss Simone?".

 

 

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