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Aus dem Haus

Frisch im Regal: neue Jazz-Alben aus dem aktuellen Jazz-Newsletter

  • 09.05.2016

Es ist Frühling (auch wenn es sich noch nicht ganz so anfühlt) und die Festivalsaison steht vor der Tür. Erfreulicherweise steht beim ersten Saisonhöhepunkt der Jazz im Zentrum des Geschehens: Zum dritten Mal findet Anfang Mai das XJAZZ-Festival statt. An vier Tagen haben Sie die Wahl zwischen über 70 Veranstaltungen, vom internationalen Hochkaräter über lokale Geheimtipps bis hin zur Clubnacht. Wir helfen Ihnen bei der Orientierung im Termin-Dschungel. Oder Sie schauen gleich bei uns im Kulturkaufhaus vorbei, nehmen sich das gedruckte Programmheft mit und hören sich einige unserer Empfehlungen an.

Einen guten Start in die warme Jahreszeit wünscht Ihnen
Ihr Stefan Schmidt
jazz@dussmann.de


UNSERE EMPFEHLUNG
Joachim Kühn New Trio / Beauty & Truth / ACT (Edel) / 1 CD / € 17,99

In mittlerweile über 50 Jahren als professioneller Musiker hat der Pianist Joachim Kühn in nahezu allen Spielarten sowohl des Jazz, als auch der klassischen, europäischen Konzertmusik seine Meisterschaft bewiesen und hörbare Spuren hinterlassen. Als nur sich selbst und seiner künstlerischen Vision verpflichteter Freigeist, kollaborierte er mit Free Jazzern wie Ornette Coleman und Archie Shepp, der Fusion-Elite von Billy Cobham bis Jean-Luc Ponty, oder mit afrikanischen und arabischen Musikern wie Majid Bekkas und Rabih Abou-Khalil.

Zu den künstlerischen Höhepunkten seiner langen Karriere zählt zweifellos die Arbeit im Trio mit Daniel Humair und Jean-Francois Jenny-Clark, dessen früher Tod 1998 ein tragisches Ende dieser Besetzung bedeutete. Fast zwanzig Jahre später gibt es nun ein "New Trio" mit dem kanadischen Bassisten Chris Jennings und dem Schlagzeuger Eric Schaefer, der seit langem auch im Trio von Michael Wollny trommelt. Ein Schelm, der dabei an ACT-Chef Siggi Loch denkt...

Jennings und Schaefer sind deutlich mehr als nur Rhythmusknechte, die Kühns Piano-Exkursionen durch zeitgemäße Grooves updaten sollen. Hier ist ein funktionierendes Trio am Werk. In ihrer Version des Doors-Klassikers "Riders On The Storm" rezitiert Kühn eben nicht die perlenden Kaskaden des Intros, sondern stolpert mit den Noten von Morrisons Gesangs-Part zwischen massiven Blöcken aus Bass und Schlagzeug herum. Auf dem zweiten Doors-Titel ("The End") rollt Kühns Piano über einem fetten Reggae-Groove.

Bei Auswahl der 12 Stücke wurde laut Kühn nach starken Melodien gesucht. Neben vier Eigenkompositionen finden sich noch Filmmusiken von Krzysztof Komeda oder der Gershwin-Klassiker "Summertime", den Jennings mit wunderbar runden Bassnoten unterfüttert. Das Beste kommt, wie so oft, am Schluss: "Blues for Pablo", eine der klassischen Balladen von Miles Davis, die ihr Komponist und Arrangeur Gil Evans für diverse Blasinstrumente und explizit ohne Klavierpart geschrieben hatte. Hier wird sie zu einer achteinhalbminütigen Demonstration des Potentials dieses wunderbaren Trios.

Als einer der großen Virtuosen der zeitgenössischen Musik hat Joachim Kühn nichts mehr zu beweisen und wahrscheinlich auch kein Interesse daran. Ihm geht es darum, emotionale Erfahrung auszuloten und zu kommunizieren. Es geht um die pure Qualität von Musik.

Sehen Sie hier den Clip zu "The End". 

UNSERE EMPFEHLUNG
Herlin Riley / New Direction / Mack Avenue / 1 CD / € 18,99

Congo Square in New Orleans ist einer der ältesten mythischen Orte in der überlieferten Jazz-Geschichte. Mitte des 18. Jahrhunderts wies die damals noch franko-hispanische Verwaltung den ansässigen Sklaven einen großen Platz am Rande der Stadt zu, auf dem sie sich an Sonntagen zum Handeln sowie der Praxis und Pflege ihrer afrikanischen Kultur und Tradition versammeln konnten. Congo Square wurde so zu einem der ersten Schauplätze von originär afrikanischer Musik und Tanz.

"Connection to Congo Square" heißt der Track im Zentrum eines neuen Albums des in New Orleans geborenen Meister-Drummers Herlin Riley. Im 45-sekündigen Intro duellieren sich Riley und der kubanische Conga-Virtuose Pedrito Martinez, um anschließend zusammen mit Trompeter Bruce Harris, dem Saxophonisten Godwin Louis und Bassist Russell Hall in einer frenetisch swingenden Rumba abzuheben. Der 59jährige Schlagzeuger verkörpert die äußerst lebendige Tradition und Form des "New Orleans Rhythm" wie kaum ein anderer. Seit seinem vierten Lebensjahr als Trommler aktiv, spielte und tourte er jahrelang sowohl mit Ahmad Jamal als auch in der Band von Wynton Marsalis.

Auf "New Direction" präsentiert er sich nicht nur als kraftvoller und gleichzeitig filigraner Taktgeber eines jungen Kollektivs, sondern auch als inspirierter Komponist und Arrangeur. Sieben der zehn Tracks sind Eigenkompositionen, zwei stammen aus der Feder von Pianist Emmet Cohen und beim abschließenden Traditional "Tootie Ma Is A Big Fine Thing" gibt Riley sogar den Sänger. Neue Richtungen, wie im Titel versprochen, werden hier nicht erkundet, aber Riley zeigt sich auf frische und zeitgenössische Art inspiriert von Art Blakeys Jazz Messengers. Der Titeltrack zur Eröffnung ist wegweisend für das Album: ein straighter Beat von Riley, umgarnt vom Bass und überspielt von enthusiastischen Hornriffs und einem eingängigen Thema der (leider nur auf diesem Track präsenten) Gitarre von Mark Whitfield. Eine Mischung aus ansteckender Fröhlichkeit und musikalischer Verfeinerung, wie sie vieler Musik aus New Orleans zu Eigen ist. Besser als hier werden Sie afro-karibisch beeinflussten New Orleans- Jazz kaum serviert bekommen.

UNSERE EMPFEHLUNG
Caro Josée / Summer’s Ease / Skip Records (Soulfood) / 1 CD / € 18,99

Caro Josée hat das, was man im Englischen so bildhaft "a chequered past" nennt. Ihre mittlerweile vier Jahrzehnte andauernde Karriere als professionelle Sängerin hat vom Raketenstart über die Versenkung bis hin zum künstlerisch-kommerziellen Happy End alle Facetten zu bieten. Würde man eine umfassende Geschichte der Hamburger Musikszene von den 70ern bis heute schreiben, wäre die Wahl-Hanseatin wohl in fast jedem Kapitel vertreten. Als 20-Jährige gewann sie unter dem Namen Caro mit ihrem mainstream-rockigen Debütalbum den Deutschen Schallplattenpreis (heute: Echo) als Newcomerin des Jahres. In der von Punk, New Wave und Synthie-Pop geprägten Folgezeit verlief sich die Karriere der talentierten Sängerin zwischen erzwungenen Image-Korrekturen und musikalischem Trend-Hopping in oft nur kurzlebigen Projekten unter verschiedenen Namen. Nach einer längeren Auszeit startete sie 2005 zusammen mit der Hamburger Musiker-Dynastie Kravetz (Papa Jean-Jacques spielt seit Jahrzehnten mit Udo Lindenberg und Peter Maffay) ein Comeback mit einem Repertoire, dessen Schwerpunkt auf Rhythm & Blues, Soul und Jazz lag.

2012 erschien dann, sorgfältig vorbereitet, ihr Album "Turning Point" - eine hochklassige Kollektion eleganter, leichtfüßiger Jazz-Nummern aus eigener Feder, die locker als Standards und Genreklassiker durchgehen konnten. Verdientermaßen erhielt sie dafür 2013 den Echo Jazz als beste nationale Sängerin. Der Nachfolger, für den sie sich drei Jahre Zeit gelassen hat, steht ihrem "Wendepunkt" um nichts nach. Wieder sind es fast ausnahmslos Eigenkompositionen und das thematische und kompositorische Spektrum wurde eher noch erweitert. Zusammen mit ihrem neuen Gitarristen Patrick Pagels schrieb sie ein Tribut an Django Reinhardt ("Mr. Django"), asiatische Szenarios ("Isfahan", "Girl From Vietnam"), den Tango "If There's A Heaven" oder meinen persönlichen Favoriten "In Distress", eine lässig swingende Nummer mit vokalen Extravaganzen. Einziger Fremdtitel ist der alte Coasters-Schlager "Shopping for clothes", den Miss Caro stilecht zu einer Liebeserklärung an ihre bevorzugte Schuhmarke umwidmet ("Louboutins"). Ein Extralob verdient die kompakte Band, die einen fliegenden Soundteppich für Caro's Gesang webt: Mit dabei sind als zweiter Gitarrist Martin Scheffler, der Bassist Gerold Donker und Tammo Bergmann am Schlagzeug.

"Summer's Ease" ist ein Album wie ein perfekter Tag am Strand: strahlend, farbenfroh und entspannt.

Sehen Sie hier, wie Caro Josée live bei NDR Kultur "Like a Cha Cha" vom neuen Album singt. 


DREI, DIE SIE KENNEN SOLLTEN!
Jaco Pastorius / First Album / Sony / 1 CD, € 9,99 / 1 LP, € 22,99

Virtuosität und Vision. 24 Jahre alt war Jaco Pastorius, als er die Chance bekam, zusammen mit Herbie Hancock und den Drummern Lenny White und Don Alias (plus illustren Gästen wie Wayne Shorter oder Hubert Laws) in New York City einige seiner Kompositionen einzuspielen. Das daraus resultierende unbetitelte Debütalbum ist ein Meilenstein der Jazz-Geschichte. Eröffnet von einer unfassbaren Bass-Transkription des Bebop-Standards "Donna Lee", begleitet nur von Don Alias an den Congas, reihen sich kompositorische und spieltechnische Perlen aneinander. Der Youngster ohne längere Studioerfahrung arrangierte seinen Bass zu French Horn und Percussion oder einer kompletten String Section. Jeder Track ist in einer anderen Besetzung eingespielt, jedes Stück hat seinen eigenen Stil - und trotzdem klingt das Album wie aus einem Guss.


Weather Report / Heavy Weather / Sony / 1 CD, € 9,99 / 1 LP, € 22,99

"Heavy Weather" war das zweite Weather Report Album, an dem Jaco mitwirkte, aber das erste, an dem er komplett beteiligt war. Zawinul gönnte ihm sogar zwei eigene Kompositionen, "Havona" und "Teen Town" (auf dem Jaco auch Schlagzeug spielte). Das Album enthält mit "Birdland" einen Klassiker der neueren Jazzhistorie und wurde zur meistverkauften Platte der Band.

Joni Mitchell / Hejira / Warner / 1 CD, € 9,99 / 1 LP, € 19,99

Joni Mitchell's "Hejira" ist kein klassischer Jazz Set, aber eines der besten jazzigen Singer/Songwriter Alben der 70er Jahre. Es markiert den Höhepunkt ihres Übergangs vom sensiblen Folkie hin zu neuen kreativen Freiheiten. Jaco spielt zwar nicht auf allen Stücken, aber Klassiker wie das Titelstück oder die sechsminütigen Songmeditationen "Coyote" und "Refuge Of The Road" sind mit seinen unverwechselbaren Bassnoten tätowiert.


FESTIVAL DES MONATS
XJAZZ 2016 / 5. - 8. Mai / diverse locations

Wenn ein jährlich veranstaltetes Musikfestival sich schon im dritten Jahr wie eine Institution anfühlt, ist eine ganze Menge richtig gemacht worden. Wie schon in den beiden vorangegangenen Jahren finden die Veranstaltungen des XJAZZ 2016 überwiegend in diversen beliebten Kreuzberger Clubs in fußläufiger Entfernung voneinander statt. Als Zentrum des Geschehens fungiert erneut die schöne Emmauskirche am Lausitzer Platz. Der Himmelfahrtstag und die Wahl der Türkei zum diesjährigen Partnerland dürften den Besucherzahlen (13.000 im Vorjahr) nochmal einen gewaltigen Schub geben.

Auf der Speisekarte steht wie immer Jazz, Jazzverwandtes und Zeitgenössisches, überwiegend aus regionalem Anbau. Die Kuratoren und Programmverantwortlichen sind größtenteils aktive Musiker und in der Szene bestens vernetzt. Es gibt aber auch in diesem Jahr wieder einige internationale Highlights, wie z.B. das Vijay Iyer Trio, das brasilianische Schwergewicht Ed Motta und als mittlere Sensation die wiederbelebten Cymande, ein karibisch-britischer Funkoutfit der frühen 70er.

Wo sollten Sie nun unbedingt hingehen? Einfach gesagt: Gehen Sie überhaupt auf das Festival, egal zu welcher Veranstaltung. Möglicherweise ist das, was Sie ausgesucht haben, ausverkauft, aber dann gibt es zur selben Zeit eine interessante Alternative "just around the corner". Ich liebe an Festivals mit kompakten Programmen am meisten die Entdeckung von etwas Neuem, Unbekannten. Trotzdem verrate ich Ihnen jetzt noch, was ich mir wahrscheinlich nicht entgehen lassen werde:

Donnerstag am frühen Abend haben wir die Qual der Wahl zwischen Rolf Kühn, dem Doyen der Jazz-Klarinette, und dem Auftritt von Julia Kadel mit dem Cellisten Anil Eraslan. Später geht es dann zu Ilhan Ersahin's Istanbul Session, einem Jam-Projekt renommierter türkischer Instrumentalisten aus der Jazz-und Rockszene. Sollte Vijay Iyer am Freitag ausverkauft sein, gönne ich mir Partystimmung mit dem Voodoo-Funk-Jazz-Projekt Mop Mop des Italieners Andrea Benini inklusive des Rap-Poeten Anthony Joseph. Ein hochinteressantes Trio erwartet uns am Samstag. Schlagzeuger Dejan Terzic, Pianist Florian Weber und Kontrabassist Jonas Westergaard sind international gefragte Spitzenmusiker. Anschließend freue ich mich auf den spirituellen Soft-Jazz von Matthew Hallsall & Gondwana Orchestra aus Manchester.

Alle Informationen zum Festival, den Acts, den Veranstaltungsorten- und zeiten, den (moderaten) Eintrittspreisen und vielem mehr finden Sie auf der Festival-Website oder fragen Sie das Jazz-Team bei uns vor Ort im Kulturkaufhaus. 

 

 

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