Aus dem Haus

All that Jazz! Die besten neuen Alben für Sie rezensiert

  • 02.06.2016

Lieber Jazz-Fan, aus den vielen Neuerscheinungen habe ich für den aktuellen Jazz-Newsletter wieder meine vier Favoriten herausgesucht und rezensiert. Ich bin gespannt, wie Ihnen die Alben gefallen. 

Viel Saß beim Lesen
Ihr Stefan Schmidt
jazz@dussmann.de


Manu Katché / Unstatic / Anteprima (Broken Silence) / 1 CD / € 17,99

Manu Katché zählt seit 30 Jahren zu den weltweit gefragtesten Schlagzeugern. Ich werde Sie jetzt nicht mit der beeindruckenden Liste der Rock-Aristokratie langweilen, die seine Dienste sowohl auf Konzerttourneen, als auch im Studio in Anspruch genommen hat. Präzision, Kraft und Eleganz sind die Merkmale des begnadeten Stilisten, der seit 2005 auch unter eigenem Namen außerordentlich erfolgreich ist. Seine vier Alben für ECM zählen zu den meistverkauften Titeln des Labels.

In 2014 schien sich mit der Veröffentlichung von "Live in Concert" eine Zusammenarbeit mit Siggi Lochs Label ACT Music anzubahnen. Aufgenommen in Paris im Quartett mit dem Saxophonisten Tore Brunborg, Trompeter Luca Aquino und dem britischen Keyboarder Jim Watson, dokumentiert der Mitschnitt die pure Spielfreunde eines kompakten Outfits. Leicht verwundert registriert man daher, dass unlängst sein erstes Studioalbum seit 2012 fast klammheimlich auf dem Label des französischen Konzertveranstalters Anteprima veröffentlicht wurde.

Der Qualität der Musik hat dieser erneute Labelwechsel keinen Abbruch getan. Das Quartett wurde erweitert um die aufstrebende norwegische Kontrabassistin Ellen Andrea Wang, deren warmer Ton der Band eine neue Dimension eröffnet. Die elf Eigenkompositionen sind geprägt von Katchés Gespür für Melodie und Groove. Die Anwesenheit der markanten Posaune von Nils Landgren auf fünf Tracks verstärkt die leichte Zugänglichkeit des Materials zusätzlich.

"Unstatic" ist allerdings weit davon entfernt, gefälligen Smooth Jazz zu bieten. Hinter der einladenden Unangestrengtheit brodeln überraschende rhythmische Wendungen und provokante Riffs. Schon bei der kurzen "Introducción", einer infektiösen Rumba werden die Weichen gestellt. Leichtfüßigkeit trifft auf Vertracktheit. Typisch ist das exzellente "Ride Me Up". Aus einer gehämmerten Pianofigur entwickeln die fünf Musiker ein Funken sprühendes Groove-Monster, das an die besten Headhunters-Momente erinnert. Wer den Fusion Jazz der 70er Jahre liebt und ein zeitgemäßes Äquivalent sucht, wird hier auf höchstem Niveau bedient.

Sehen Sie hier einen kurzen Albumtrailer.


Gregory Porter / Take Me To The Alley / Blue Note (Universal) / 1 CD, € 17,99 / 1 Vinyl, € 29,99

Wenn es Gregory Porter nicht gäbe, müsste man ihn erfinden. Anscheinend mühelos bringt er musikalische Qualität, künstlerische Integrität und ehrliche Spiritualität unter eine Ballonmütze. Darüber hinaus verfügt er über eine Stimme zum Niederknien und ist auch als Weltstar noch immer volksnah und von unfassbarer Freundlichkeit.

Zweieinhalb Jahre nach seinem bahnbrechenden "Liquid Spirit", das ihn verdientermaßen zum erfolgreichsten Jazz-Sänger der Gegenwart machte, einen wahren Regen an Auszeichnungen zur Folge hatte und ihn auf diversen Tourneen um die ganze Welt führte, erscheint nun sein viertes Album "Take Me To The Alley". Frei nach dem Motto "Never change a winning team" ist das handelnde Personal weitgehend unverändert. Pianist Chip Crawford ist zum musikalischen Leiter aufgestiegen, Bassist Aaron James und Drummer Emanuel Harrold flechten den Rhythmusteppich, die bewährten Saxophonisten Tivon Pennicott und Yosuke Sato werden neuerdings unterstützt von Emanuels Bruder Keyon Harrold, einem der gefragtesten Trompeter der Jazz-Soul-R&B-Szene. Porter selbst teilt sich die production credits mit Kamau Kenyatta, der seit dem Debütalbum "Water" im Produzentensessel sitzt.

Die unmittelbare Sensation des Hörens von einem Gregory Porter-Song ist zwangsläufig einer etwas routinierteren Materialprüfung gewichen. Trotzdem begeistern auch bei "Take Me To The Alley" die durchgängig hohe Qualität der Eigenkompositionen und die souveräne musikalische Umsetzung. Startpunkt ist "Holding On", die schon bekannte Zusammenarbeit mit dem britischen Electro-Duo Disclosure. Darauf folgt "Don't Lose Your Steam", einer opulenten Groove-Nummer für seinen Sohn Demyan. Tempo aufgenommen wird erst wieder gegen Ende der Platte mit dem furiosen "Fan the Flame" und "French African Queen", einer leichtfüßigen Hymne an eine sehr spezielle Pariserin. Dazwischen dominieren exquisite Balladen, die auf mich anfangs unspektakulär wirkten, aber schon beim zweiten Hören Suchtpotential entfalteten. Ich höre dieses Mal auch weniger Soul, als vielmehr den Geist der großen Pop-Piano-Songwriter Elton John oder Billy Joel. Mein (momentanes) Lieblingsstück "In Fashion" klingt wie ein trickreiches Remake von Eltons "Bennie and the Jets".

Gregory Porter wird mit diesem Album keinen Fan verprellen, eher wird sich die Schar seiner Verehrer vergrößern. Der Mann kalkuliert seine Musik nicht für den Massenmarkt, er ist auf ihn gestoßen, während er seinen Weg ging. Wenn er jetzt bitte noch die komischen Ohrenschützer ablegen könnte...

Klicken Sie hier für den Album-Trailer.


The Comet Is Coming / Channel The Spirits / Leaf (Indigo) / 1 CD, € 17,99 / 1 Vinyl, € 29,99

Space is the place! Die Faszination des Weltraums und ferner Planeten zieht sich seit Jahrzehnten wie ein roter Faden durch das Schaffen afro-amerikanischer Musiker. Von John Coltrane ("Interstellar Space") über Sun Ra, George Clinton oder HipHop-Pionieren wie Afrika Bambaata bis zu Flying Lotus und Janelle Monáe dient das All als Sehnsuchtsort und Projektionsfläche für eskapistische Visionen oder afrofuturistische Ästhetik.

Der britisch-karibische Saxophonist Shabaka Hutchings zählt zu den aufregendsten (und produktivsten) Musikern des zeitgenössischen Jazz und verantwortet in Formationen wie Melt Yourself Down, Sons of Kemet oder Polar Bear einige wegweisende Veröffentlichungen der letzten Jahre. Sein neues Projekt heißt The Comet Is Coming und ist ein weithin sichtbarer leuchtender Schweif im Jazz-Universum. Zusammen mit dem Keyboarder Dan Leavers und Schlagzeuger Maxwell Hallett vermischt Hutchings den experimentellen Jazz des Sun Ra Arkestra mit elektronischen Afro -Dub-Elementen zu einem neuartigen, sensationellen Groove-Kosmos. "Space Carnival" zum Beispiel ist eine außerirdische Hochgeschwindigkeits-Samba aus frenetischen Drums, Staccato-Sax und übersteuerter Elektronik. "Journey through the Asteroid Belt" klingt, als wäre Brubeck's "Take Five" der Soundtrack zu Raumpatrouille Orion. "Cosmic Dust" ist eine Supernova aus elastischen Synths, harten Beats und Sax-Fragmenten.

Die psychedelischen Exzesse der Musiker sind geerdet von einem orthodoxen Jazzverständnis und auch das individuelle Spiel ist sowohl wild und frei, als auch integriert in den Bandsound. Eine ansteckende physische Energie pulsiert durch das komplette Album und auf schwer erklärbare Weise dehnen die zwölf Tracks die Zeit, so dass mir die musikalische Reise deutlich länger als 40 Minuten erschien. Und am besten startet man dann gleich wieder von vorne.

Sehen Sie hier einen Live-Clip zu "Journey through the Asteroid Belt".


Mop Mop / Lunar Love / Agogo (Indigo) / 1 CD, € 17,99 / 1 Vinyl, € 29,99

"Space will be my home" intoniert Anthony Joseph im Track "Spaceship:Earth" über einen ultracoolen, spartanischen Midtempo-Funk-Groove aus schwarzen Basslöchern, irrlichternden Gitarrenlicks und Balafon-Kaskaden. Hinter ihm liegt der von seinen Bewohnern ruinierte mystische Stern Adhara, vor ihm ein verheißungsvoller blauer Planet: "Show me this place they call earth and let me land this ship".

Wir befinden uns im privaten Universum des italienischen Musikers, DJs und Produzenten Andrea Benini und dessen Projekt Mop Mop, einem realitätsfernen Kosmos der Schatzinseln und hinduistischen Göttinnen. Auf "Lunar Love", dem fünften Album seit dem Debüt von 2006 hat es den leidenschaftlichen Soundtüftler jetzt in die Weiten des Weltall verschlagen. Zusammen mit seinen langjährigen Mitstreitern Alex Trebo, Pasquale Mirra, Salvatore Lauriola und Danile Mineo, diversen Gastmusikern sowie einer Fracht aus exotischen Klangkörpern und Percussions wie Marimba, Hang, Balafon, Tumbadora, Surdo oder Krakebs reisen sie per Anhalter durch eine Galaxis aus pulsierenden Rhythmen, flirrenden Synthesizern und tropfenden Steeldrums.

Zusammengehalten werden die vier Etappen ("The Journey", "The Awakening", "The Experience", "Close Encounters") von der bildhaften Poesie des karibischen Sprachkünstlers Anthony Joseph, dessen Intonation an Gil Scott-Heron oder den "Last Poet" Jalal Nuriddin erinnert. Aufgenommen in verschiedenen Studios in Ravenna und Berlin auf analogem Equipment verbindet Benini auf "Lunar Love" seine Liebe zu afro-amerikanischem Jazz mit originellen Klangbildern und polyrhythmischer Extravaganz zu einem einzigartigen Sound. Take your seat!

Sehen Sie hier den Trailer zum Album. 

0 Kommentare

Mein Kommentar

Die Kommentarfunktion ist für diesen Artikel deaktiviert.

0 Kommentare

Dussmann das KulturKaufhaus

Mo-Fr 09-24 Uhr

Sa 09-23:30 Uhr

Tel: +49-30-2025-1111
Sonntag, 22. Oktober13-20 Uhr

Archiv