Aus dem Haus

Unser Album der Woche: "Red Earth and Pouring Rain" von Bear’s Den

  • 22.07.2016

Zwei Jahre nach dem Debüt von Bear's Den und ein Jahr nach den beeindruckenden Konzerten im Vorprogramm von Mumford & Sons in der Waldbühne überrascht das neue Album "Red Earth and Pouring Rain" mit einem Sound, der sich an großartige britische Bands wie Deacon Blue, Prefab Sprout und The Silencers anlehnt.

Auch beim Songwriting von Andrew Davie und Kevin Jones hat sich einiges getan. Viele Songs haben einen hymnischen Charakter gepaart mit erstklassigen Hooklines, bei denen in erster Linie Andrew Davies facettenreiche Stimme exzellent zur Geltung kommt. Schon beim zweiten Stück "Emeralds" schmeicheln die ausgeklügelten Arrangements dermaßen das Ohr, dass die Spannung von Stück zu Stück steigt, ob Bear's Den diese Qualität über das ganze Album halten können.

Es ist eine Tour De Force, die sich tatsächlich bis zum letzten Song keinen Schwachpunkt leistet und trotzdem nicht Gefahr läuft, seicht oder flach poppig zu werden. Sicherlich: Das Rad wird hier nicht neu erfunden, aber für Freunde der besonders gepflegten modernen Popmusik ist es ein Album geworden, das nostalgisch stimmt. Wenn man die oben genannten Musikinstitutionen verehrt, spürt man auch den nach vorne gerichteten Blick von Bear's Den, die dem Kanon des intelligenten Pops ein neues spannendes Kapitel hinzufügen. Ich kann es kaum erwarten, die Band am 26. Oktober 2016 in Huxley's Neue Welt mit diesen Songs live zu sehen.

Bear's Den / Red Earth and Pouring Rain / Communion Records (Universal) / 1 CD, € 16,99 / 1 Vinyl, € 22,99

15.07.

Unser Album der Woche: "Love & Hate" von Michael Kiwanuka

Michael Kiwanuka hat sich für sein zweites Album vier Jahre Zeit gelassen und liefert mit „Love & Hate“ jetzt eine Platte ab, die für die lange Wartezeit mehr als entschädigt. Die Songs brauchen für den neuen „Kiwanuka Kodachrome Analog Breitwand Surround Sound“ einen großen Raum – also bitte begehen Sie nicht den Fehler, Snippets zu hören oder mal schnell durch zu skippen. Dieses Album verdient einen Rahmen, Zeit, Ruhe und Freude am Genießen, denn es erzählt die Geschichte von Michael Kiwanuka und wie er die Welt sieht.

Erste Überraschung: Das Intro erinnert mit seinen soften sphärischen Klängen an David Gilmour. Nach fünf Minuten Einstimmung ist es endlich soweit: Kiwanukas Stimme ertönt, quasi wie eine Erlösung in einer Westcoast-Atmosphäre mit Edwynn Collins’scher verzerrter Gitarre. Wie überhaupt Kiwanukas Gitarrenarbeit das weitere Geschehen maßgeblich beeinflusst. Sie ist grooviger, breiter, versierter als auf seinem Debüt. Trotzdem haben auch Balladen und Slow Jams wie „Falling“, „I’ll Never Love“ und „Love And Hate“ ihren Platz, nämlich als Bindeglied zu dem alten, bekannten Kiwanuka.

Michael Kiwanuka, Love & Hate, Polydor, 1 CD € 16,99, Vinyl € 29,99

8. Juli

Unser Album der Woche: "Wildflower" von The Avalanches

Wo bitte waren The Avalanches aus Melbourne die letzten 16 Jahre? Nach ihrem Genre-übergreifenden Debütalbum „Since I Left You“ aus dem Jahre 2000 haben sie sich offensichtlich die Zeit in Second Hand-Plattenläden und auf Flohmärkten herumgetrieben, denn auf ihrem neuen Album „Wildflower“ fackeln sie erneut ein Sample-gewaltiges Feuerwerk ab.

Wenn der Erstling damals wie ein Werk für die Zukunft geklungen hat, war die Gefahr jetzt groß, dass es diesmal nur mehr vom Gleichen ist. Aber diese Befürchtung ist nach den ersten Höreindrücken komplett unbegründet. Schon die Vorabsingle „Frankie Sinatra“ war sowohl akustisch als auch vom Innovationsfaktor so außergewöhnlich, dass die Spannung auf den Sound des Albums gänzlich in Vorfreude umschlug. Und The Avalanches laden auf 16 Tracks auf eine spannende Reise ein, die alles was bisher da war auf ein neues und größeres Podest stellt.

Turntablism, Breakbeats in Hülle und Fülle und eine Wundertüte von Soul, Westcoast Pop und Hip Hop – das sind The Avalanches 2016. Lieblingssongs? Neben dem schon erwähnten „Frankie Sinatra“, das an De La Soul erinnernde „The Noisy Eater“, das von Laurel Canyon beeinflusste und mit House Beats unterlegte „If I Was A Folkstar“ und nicht zuletzt das Beach Boys mit Beatles verbindende „Harmony“. Bereits jetzt eine Platte des Jahres!

The Avalanches / Wildflower / Indigo / 1 CD, € 16,99 / 1 LP, € 26,99 / Deluxe-CD, € 29,99

1. Juli

Unser Album der Woche: "Summer 08" von Metronomy

 

Joe Mount, Frontmann und Kopf von Metronomy, hat es seit dem Debüt "Pip Paine (Pay The £5000 You Owe)" mit jedem Album immer wieder verstanden, überraschende neue Pfade zu betreten. Seit dem bahnbrechenden Erfolg von "The English Riviera" im Jahr 2011 hat der Bandoutput im Innovationsbereich nochmal eine Schippe drauf gelegt.


„Summer 08“ ist eine textliche Bestandsaufnahme einer Band, die seit 2008 eine permanente Aufwärtskurve aufweist. In Sachen Selbstreflektion sind die vier Briten aber offensichtlich erst jetzt in der Lage, ihre Veränderung von Underground Darlings zur erfolgreichen Popformation zu verarbeiten.

Metronomy / Summer 08 / Warner / 1 CD, € 15,99 / 1 LP, € 26,99

24. Juni

Unser Album der Woche: "Live At Red Rocks" von alt-J

Ursprünglich in limitierter Auflage zum Record Store Day 2016 veröffentlicht, gibt es jetzt das außergewöhnliche Konzert von alt-J vom Juli 2015 in unterschiedlichen Formaten.

Drei Jahre nach ihrem Mercury-Preis gekrönten Debütalbum „An Awesome Wave“ und ihrem nicht minder großartigen Zweitling „This Is All Yours“ ziehen alt-J im Red Rocks Amphithetaer in Denver alle Register. Der grandiose Unterschied zu den Studioalben liegt in der Live-Interpretation ihrer Stücke, die natürlich und unverkrampft ihre gewaltige Schönheit entfalten. Keine endlos überlagernde Soundgebilde, sondern herrlich reduzierte Atmosphäre atmende Versionen.

Natürlich spielt auch die stilsichere Abfolge der Songs eine wichtige Rolle. „Something Good“ und „Left Hand Free“ - ersteres vom Debüt, letzteres vom zweiten Album - fließen stimmig ineinander. Ähnliches gelingt auch bei den Zugaben mit dem elegischen „Nara Leaving Nara“ und „Breezeblocks“, welche besonders durch die hervorragend sitzenden, mehrstimmigen Gesangsparts ihre Wirkung entfalten.

Das Sahnehäubchen ist bei diesem Live-Album der Konzertfilm, der eine Band auf der Höhe ihres hoffentlich frühen Schaffens einfängt. Die Performance-Ebene, die Interaktion der Band untereinander, das schöne Ambiente und nicht zuletzt die Begeisterung der amerikanischen Fans tragen zu einem stimmigen Film bei. Vielleicht markiert er das Ende des ersten Kapitels von alt-J, bevor die angeblich schon begonnene Arbeit an einem dritten Album den nächsten Step der Band offenbaren wird.

alt-J / Live At Red Rocks / erhältlich als CD + DVD oder als CD + Blu-ray

17. Juni

Unser Album der Woche: "On My One" von Jake Bugg

Eigentlich reicht es, sich das Cover von "On My One" anzuschauen, um die Songs auf Jake Buggs drittem Album zusammenzufassen. Eine Collage ist es geworden, zusammengefügt aus den buntesten Klangfarben aus Soul, Hip-Hop und 90s Electronic. Jake Bugg wurde 2013 mit seinem von den 60er-Jahren inspirierten Debutalbum als Wunderkind gefeiert. Dass das Wunderkindsein in den wenigsten Fällen mit einem Wunder, sondern mit viel Arbeit zusammenhängt, beschreibt der Titelsong von "On my One": "Three years on the road, 400 shows / Where do I go home? / No place to go / Where do I belong? / Oh, I'm so lonesome on my one ". 

 

On my One - das ist übrigens Slang aus Jake Buggs Heimatstadt Nottingham und bedeutet so viel wie "auf sich allein gestellt sein". Denn wie auf dem Albumcover schwebt über allen Songs eine schwarze Wolke, der Blues. Der Weltschmerz, eingetaucht in unterschiedliche Farben, bildet das Rückgrat des Albums. Songs wie "Love, Hope and Misery" oder "Bitter Salt" bilden dadurch wunderbare Highlights der Platte.

Jake Bugg / On My One / EMI / 1 CD, € 17,99 / 1 Vinyl, € 24,99

10. Juni

"Une Meeles" von Maarja Nuut

Die Estin Maarja Nuut könnte mit ihrem zweiten, selbst veröffentlichten Album viel dazu beitragen, dass sich unsere Ohren auch für Musik aus ihrem Heimatland weit öffnen.

Auf "Une Meeles" gelingt es ihr, einen spannenden Cocktail aus estnischer Folklore und eigenen Interpretationsansätzen zu mischen, der ein faszinierendes Klangspektrum entstehen lässt. Maarja Nuut setzt moderne Technik ein, vor allem eine Loopstation, mit der sie eine Trance-artige Vielschichtigkeit kreiert. So entsteht eine faszinierende Grundlage für ihre Stimme, die einen eigentümlichen Charme entwickelt und die einem beim Hören tief in die Musik hinein saugt.

Gerade in dem wunderschön angelegten "Kiik tahab kindaid" schafft es Maarja Nuut, seltsame Geräusche zu einer Rhythmusbasis zu schichten, die einen ebenso bedrohlich wie spannend klingenden Soundteppich für ihren spät einsetzenden Gesang Mantra-artig webt.

Musik kann und soll ein Abenteuer sein. Den Mut für etwas gänzlich Ungewöhnliches, ist unabdingbar, wenn man sich auf die Stücke von Maarja Nuut einlässt. Die Belohnung ist ein überaus abwechslungsreiches Album, in dem auch ihr Instrument, die Geige, eine maßgebliche Rolle spielt.

Maarja Nuut ist am 1. Juli live in Berlin im Silent Green zu erleben.

 

 

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