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Aus dem Haus

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  • 18.10.2016

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Hattler / Warhol Holidays / 36 Music (Broken Silence) / 1 CD / € 16,99

Wenn über die bundesdeutsche Rockmusik-Landschaft Mitte der 70er Jahre gesprochen wird, geht es in der Regel entweder um Krautrock (nur die Briten wissen genau, was das sein soll), Kraftwerk, die Berliner Elektroniker wie Klaus Schulze und Tangerine Dream oder - etwas weniger cool - um rotzigen Rock der Marke Lindenberg oder Westernhagen. Eine der beliebtesten Bands dieser Epoche und absolute Abräumer auf den Konzertbühnen war allerdings Kraan - vier spacke Jungs, die auf einem Gutshof am Rande des Teutoburger Walds lebten und die so ziemlich undeutscheste Musik machten, die man sich vorstellen konnte: funky Jazzrock. Der Hingucker in dieser Truppe war Bassist Hellmut Hattler. Ein Typ, der mit seiner schrägen roten Brille schon damals eher nach NDW oder Thomas D. aussah, als nach Hippie-Kommune auf dem Lande.

Vierzig Jahre später scheint Hellmut Hattler aktiver und präsenter denn je. Kraan ist seit einigen Jahren wiederbelebt. Auch sein in den 90ern äußerst erfolgreiches Acid-Jazz-Projekt Tab Two wird gelegentlich reaktiviert und Hattler selbst arbeitet, sofern er nicht Bass-Workshops gibt, mit bewährten Kollegen in dem Projekt, das seinen (Nach)namen trägt. Markenzeichen der Formation ist sein nach wie vor unnachahmlich singender Bass und ein klares Bekenntnis zum Groove. Musikalisch und auch produktionstechnisch immer auf der Höhe der Zeit, folgt Hattler eher seinem inneren Kompass, als dem jeweils aktuellen Trend.

Auf dem neuen Album mit dem schönen Titel "Warhol Holidays" benutzt er seinen wachen Verstand und eine gute Portion Humor nicht nur zur Verwirklichung musikalischer Einfälle, sondern auch zu einer inhaltlichen Standortbestimmung. Mehr als die Hälfte der Tracks sind tatsächlich Songs mit exzellenten Texten, die zwar auch Zeitphänomene wie NSA und AfD behandeln, aber im Sinne von Fanta4 eher MfG (mit freundlichen Grüßen) daher kommen. Eine lockere Grundhaltung und ein ausgeprägter Hang zum Wortwitz ("chat set solitude") balancieren die Ernsthaftigkeit der Themen perfekt aus. Hinzu kommt mit der Sängerin Fola Dada eine kongeniale Interpretin des Materials. Auch wenn die kompositorische Arbeitsweise diesmal eher "klassisch" und weniger im Studio programmiert war, ist das musikalische Resultat doch unverwechselbar Hattler. Stabile rhythmische Fundamente zwischen New-Order-Deep-House und krautrockiger Motorik, elegante Melodien und luftige Keyboards machen das Album auch für "Nebenbei-Hörer" oder Autofahrten akzeptabel. Die tollen lyrics und komplexen Arrangements sorgen für ein nachhaltiges Hörvergnügen.

Joshua Redman, Brad Mehldau / Nearness / Nonesuch (Warner) / 1 CD, € 17,99 / 1 Vinyl, € 34,99

Brad Mehldau und Joshua Redman muss man nicht mehr vorstellen. Beide kennen sich seit Anfang der 90er und haben im Laufe ihrer großen Karriere sich ihre Wege immer wieder gekreuzt. Zu einem Album als Duo hat es bisher trotzdem nicht gereicht. Nun haben sie wohl unlängst die Archive gesichtet und Konzertmitschnitte ihrer Europa-Tour aus dem Herbst 2011 zur Veröffentlichung frei gegeben.

Die sechs ausgewählten Stücke stammen aus unterschiedlichen Auftritten in Spanien, der Schweiz, Holland, Deutschland und Norwegen und zeigen die zwei Freunde in bester Verfassung. Gelöst und trotzdem konzentriert, spontan und intuitiv umtanzen sich Piano und Saxofon in entspannter Konversation, ohne offensichtliche solistische Egoismen. Das Programm speist sich zu gleichen Teilen aus Standards und Eigenkompositionen wie Mehldaus grandiosem "Always August". Opener ist Charlie Parkers Bebop "Ornithology", das Redman unbegleitet beginnt und dann von Mehldau nach und nach auf andere Pfade gelockt wird. Eine relaxte Fassung von Monks "In Walked Bud" und eine viertelstündige Version der Ballade "The Nearness Of You" sind wohlklingende Beweise dafür, wie nah sich die beiden Giganten des zeitgenössischen Jazz sind.


Kandace Springs / Soul Eyes / Blue Note (Universal) / 1 CD / € 19,99

Allein schon der Name: Kandace Springs. Das klingt nach kristallklarem Bergsee unter einem strahlend blauen Himmel. Ein Vergleich, der auch auf die Stimme der 27jährigen Newcomerin passt. Die Tochter eines populären Soul-Entertainers aus Nashville wird seit zehn Jahren behutsam vom Produzenten-Team Sturken & Rogers aufgebaut, zu deren Entdeckungen unter anderem R&B-Superstar Rihanna gehört. Nach anfänglichen Versuchen, die talentierte Schönheit im Sektor Soul und HipHop zu lancieren, überzeugte Kandace Springs ihre Plattenfirma mit brillanten Ausflügen in den "erwachsenen" Bereich des Jazz-Pop einer Norah Jones oder Lizz Wright. Unterstützung bekam sie dabei von namhaften Verehrern wie Prince und Gregory Porter hievte sie sogar ins Vorprogramm seiner letzten Tour.

Mit "Soul Eyes" erscheint jetzt das langerwartete Debütalbum. Die Produktion hat Blue Note in die Hände von Larry Klein, dem Spezialisten für Frauen in der Grauzone zwischen Jazz und Pop (Madeleine Peyroux, Melody Gardot), gelegt. Klein entschied sich erfreulicherweise für eine intime Session mit der Rhythmussektion Dan Lutz (Bass) und Vinnie Colaiuta (Drums) sowie dem Gitarrenveteranen Dean Parks. Die Instrumentierung wirkt angesichts dieser Schwergewichte fast minimalistisch skizzenhaft und rückt die klare, prägnante Stimme von Springs ins Zentrum. Die Songauswahl bedient sich ebenfalls bei hochkarätigen Profis. Zwei Tracks stammen aus der Feder von Jesse Harris (dessen "Don't know why" einst den Durchbruch für Norah Jones bedeutete), zwei weitere von der großartigen Shelby Lynne. Mein absolutes Lieblingsstück ist momentan "Place to hide", eine Komposition der renommierten britischen Singer/Songwriterin Judie Tzuke. Vertraut sind die Standards "The World Is A Ghetto" , das schon George Benson coverte und der Titeltrack "Soul Eyes" von Mal Waldron. Abgerundet wird das Ganze von einer eigenen Komposition, der Pianoballade "Rain Falling".

Wenn mich nicht alles täuscht, markiert "Soul Eyes" den Beginn einer großartigen Karriere. Steigen Sie ein und seien Sie von Anfang an im Boot. Und ganz nebenbei: Kandace Springs besitzt den schärfsten Afro seit Pam Grier in ihrer Rolle als Foxy Brown.

KaMa Quartet / A Love Supreme - Universal Tone / Neuklang (in-Akustik) / 1 CD / € 19,99

Einer herkulischen Aufgabe stellt sich die junge deutsche Saxofonistin Katharina Maschmeyer mit ihrem (um den Perkussionisten Nippy Noya erweiterten) KaMa Quartet: Auf dem neuen Album interpretieren sie mit John Coltranes Suite "A Love Supreme" eines der bedeutendsten Werke der Jazz-Historie. Sie wählen dabei einen hochinteressanten und komplett schlüssigen Umweg über den Jazzrock der frühen 70er Jahre. Gitarrist Nils Pollheide orientierte sich bei der musikalischen Umsetzung an seinem Vorbild John McLaughlin und dessen spirituellen Improvisationen mit dem Mahavishnu Orchestra.

Dabei entstand eine frei fließende Seelenmusik aus verzerrten Gitarren, Saxofon, Bassklarinette und Moog Synthesizer über einem fein gewobenen Perkussionsteppich. In den gleichen Kontext stellt die Band dann noch den Pharaoh Sanders-Klassiker "The Creator Has A Masterplan" und die zwei Eigenkompositionen "Universal Tone" und "My Zen For You". Musik über Musik, frei von Egoismen und Kalkül und somit im Geist der Vorbilder, denen es genau darum ging. McLaughlin-Kenner können das Album übrigens sofort identifizieren: Das Artwork zitiert das Cover des legendären Mahavishnu Orchestra Debüts "Inner Mounting Flame". 


Fred Hersch Trio / Sunday Night At The Vanguard / Palmetto (Indigo) / 1 CD / € 16,99

Fred Hersch ist so etwas wie der Inbegriff des New Yorker Pianisten. Geboren in Cincinnati, Ohio, zog es den jungen Absolventen des New England Conservatory 1977 an den Big Apple, wo er von Beginn an Nacht für Nacht in den einschlägigen Clubs auftrat und noch mit Größen vom Schlag eines Stan Getz, Art Farmer oder Joe Henderson spielte. Damals absorbierte Hersch die klassischen Jazz-Traditionen aus erster Hand. Eine Erfahrung, die bis heute das Fundament seiner Kunst bildet.

In den nunmehr über 30 Jahren seiner "recording career" hat Hersch in den verschiedensten Kombinationen für diverse Labels gearbeitet: etliche Solo-Alben und Duette mit unterschiedlichen Sängerinnen wie Janis Siegel, Norma Winstone oder der klassischen Sopranistin Renée Fleming. Quartettaufnahmen mit dem "Pocket Orchestra" und große, Klassik-inspirierte Produktionen wie das Walt Whitman-Projekt "Leaves of Grass" oder das musikalische Triptychon "Songs without words". Trotz dieser verblüffenden Vielseitigkeit bleibt Herschs Spiel immer unverkennbar, daher kann er sich auch Gleichgültigkeit gegenüber Genre-Grenzen und Trends leisten.

Der auch an dieser Stelle schon gewürdigte legendäre New Yorker Jazz Club Village Vanguard ist so etwas wie das zweite Wohnzimmer von Fred Hersch. Seine Auftritte dort sind ungezählt und gut dokumentiert, zuletzt 2011 solo und 2012 im Trio. Ende März diesen Jahres hatte Hersch die Intuition, drei Abende lang die Sets seines Trios im Village aufzeichnen zu lassen.

Ein Entschluss, zu dem man ihn und uns nur beglückwünschen kann. So ist nun konserviert, was sich auf der kleinen Bühne abspielte. Von der ersten Note des Hammerstein/Rodgers Standards "A Cockeyed Optimist" an waren Fred Hersch, Bassist John Hébert und Drummer Eric McPherson nach eigenem Bekenntnis "in the zone". Hersch-Originale wie "Serpentine" und "Optimum Thing" werden in traumwandlerischem Zusammenspiel exekutiert. Der Jimmy Rowles-Klassiker "The Peacocks" oder die Beatles-Nummer "For No One" repräsentieren die dunkle, melancholische Seite. Das Trio beendet den Set (wie so oft bei Hersch) mit Thelonious Monk, in diesem Fall "We See". Hersch beschließt dann den Abend mit einem Solostück, seiner eigenen Ballade "Valentine". Uns Zuhörern bleibt nur die tiefe Verneigung vor einem der besten Trios des Jazz an einem nahezu perfekten Abend. Chapeau!

 

 

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