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Aus dem Haus

Für Sie rezensiert: Jazz-News aus dem KulturKaufhaus

  • 23.06.2017

Aus den vielen neuen Platten hat unser Musik-Mitarbeiter Stefan Schmidt seine fünf Favoriten herausgepickt und rezensiert. Wenn Sie die Jazz-Tipps regelmäßig per E-Mail erhalten? Dann abonnieren Sie unseren Jazz-Newsletter hier.

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Miles Mosley / Uprising / Verve / 1 CD, € 17,99 / Vinyl erhältlich ab Mitte Juli

Spätestens seit dem sensationellen Erfolg von Kamasi Washingtons "The Epic" gilt die Kernbesetzung dieses Albums, das Kollektiv West Coast Get Down aus Los Angeles, als heißestes Eisen im US-amerikanischen Jazz. Hatten sich die Musiker schon vorher auf bahnbrechenden HipHop-Alben von Kendrick Lamar und Erykah Badu bewiesen, nehmen jetzt auch die individuellen Karrieren der Beteiligten Fahrt auf. Seit Jahresbeginn sind vier Solo-Alben aus dem WCGD-Universum erschienen, alle komplett unterschiedlich und alle außergewöhnlich gut.

Das vielleicht beste, sicher aber das kommerziell potenteste dieser Alben stammt vom Bassisten und Sänger Miles Mosley und heißt "Uprising" - genau wie das letzte zu Lebzeiten veröffentlichte Studioalbum von Bob Marley. Aufgenommen wurde das Material schon vor fünf Jahren im Rahmen der mittlerweile sagenumwobenen, einmonatigen Dauer-Session im King Size Soundlab in Los Angeles. In deren Verlauf soll die WCGD-Clique in wechselnden Formationen etwa 125 Tracks eingespielt haben. Hier finden sich neben Kamasi Washington vor allem der auch als Produzent fungierende Drummer Tony Austin, die Keyboarder Cameron Graves und Brandon Coleman und Posaunist Ryan Porter wieder.

"Uprising" ist eine Grenzen sprengende, himmelstürmende Angelegenheit geworden - randvoll gepackt mit selbstbewussten Statements, euphorischem Optimismus, gnadenlos eingängigen "hooks" und "breaks" und akustischer Akrobatik der Königsklasse. Mosley ist ein erstaunlich kompetenter Sänger und als Bassist waffenscheinpflichtig. Sein mit diversen Effektgeräten aufgemöbelter Kontrabass produziert Feedback und Verzerrungen von Hendrix'schen Ausmaßen, ohne sich in solistischen Exzessen zu verlieren. Purismus ist nicht Mosleys Sache. Sein Material speist sich gleichermaßen aus Jazz, Soul und Funk und ist in erster Linie dem passenden Sound verpflichtet. Dabei gelingen ihm Geniestreiche wie "Abraham" ("You can call me Abraham, straight from the mountains of Jerusalem"), ein herrlicher Bluesjazz mit coolen biblischen Images und einem super-prägnanten Piano-Riff. Oder "Fire", das mit programmierten Drums, lateinamerikanischen Klavierfiguren und jubilierenden Streichern klingt, wie Juanes from outer space.

11 Tracks, 44 Minuten und keine einzige verschwendete Sekunde darunter. Ein musikalischer Adrenalinschub, der auch inhaltlich substanziell daherkommt. Viel Besseres werden wir in diesem Jahr nicht zu hören bekommen!

Youn Sun Nah / She Moves On / ACT / 1 CD, € 17,99 / 1 Vinyl, € 17,99

Samsung hin, Hyundai her - Südkoreas schönstes Geschenk an die Welt heißt nach wie vor Youn Sun Nah. Ihre unverwechselbare Stimme, die Art, wie sie jede Silbe akzentuiert und so den emotionalen Kern der Songs freilegt, machen sie zur vielleicht bedeutendsten Sängerin der Gegenwart im Bereich der populären Musik.

Nachdem fast 20 Jahre lang Europa und vor allem Frankreich das Zentrum ihrer Aktivitäten war, kehrte sie vor zwei Jahren in ihre Heimat zurück. 2016 zog sie dann aber weiter nach New York, wo ihr neuestes Album mit dem programmatischen Titel "She Moves On" entstand. Produziert wurde das Werk mit New Yorker Spitzenkräften wie Bassist Brad Jones und Drummer Dan Rieser unter der Leitung des momentan brandheißen Produzenten und Keyboarders Jamie Saft. Marc Ribot, guitarist extraordinaire, gastiert auf fünf der elf Songs, vornehmlich ausgesuchte Coverversionen aus dem amerikanischen Pop-und Folk-Kanon.

Ein absolutes Highlight ist das Titelstück: Ein Song, den Paul Simon für seine Ex-Frau, die kürzlich verstorbene "Star Wars"-Ikone Carrie Fisher, geschrieben hatte. Über einen federnd galoppierenden Rhythmus modelliert Youn meisterhaft den Text ("I feel good, it's a fine day"). Zwei delikate Passagen von Ribot auf der akustischen Gitarre sind die Kirsche auf der Sahne dieses Monster-Tracks. Der Gitarrist steht zwangsläufig auch im Zentrum von "Drifting", einer Jimi Hendrix-Komposition, die als Schwelbrand aus authentischen Hendrix-Gitarrensounds und Youns Lautmalerei daherkommt. Gänsehaut erregend ist auch die Version des eigentlich totgecoverten Traditionals "Black Is The Color Of My True Love's Hair", spartanisch mit Bass und Kalimba instrumentiert. Besonders schön ist die warme, ökonomische Produktion von Jamie Saft auf dessen eigener Komposition "Too Late" gelungen, einer Killerballade mit E-Piano und dezenten Streichern.

Sollte mit der amerikanischen Ausrichtung dieses großartigen Albums eine nächste Stufe in der Karriere von Youn Sun Nah gezündet werden, kann man nur wünschen, dass die USA (und der Rest der Welt) zuhört. Für die Künstlerin Youn Sun Nah gilt sowieso schon seit langem das Motto: the sky is the limit!

Jowee Omicil / Let’s Bash / Jazz Village / 1 CD / € 17,99

Jowee Omicil mag bislang nur einem kleinen Kreis von Insidern bekannt sein. Persönliche Ausstrahlung und die Qualität seiner Musik lassen jedoch vermuten, dass sich das bald ändern wird. Der Multi-Instrumentalist spielt diverse Saxophone, Flöte, Klarinette und Keyboards und kultiviert dabei einen sehr eigenen Stil, der eher von Neugier und Aufrichtigkeit, denn von technischer Perfektion geprägt ist. In Montreal, Kanada, als Sohn haitianischer Auswanderer geboren und aufgewachsen, residiert Omicil mittlerweile in Paris. Dort hat er in der großen karibischen und afrikanischen Musikercommunity auch die Mitstreiter für seinen afro-haitianischen World-Jazz gefunden hat.

Für "Let's Bash!", sein inzwischen viertes Album, zog Jowee Omicil mit einer kleinen Clique vertrauter Musiker für eine einwöchige Aufnahmesession nach Südfrankreich ins idyllisch gelegene Studio "La Buissonne". Das Resultat ist eine äußerst relaxt und gleichzeitig hochkonzentriert klingende Musik von erfrischender Spontaneität und überraschender Unmittelbarkeit. Acht der zwölf Tracks sind Eigenkompositionen oder im Bandkontext entstandene Stücke. Als "Cover-Versionen" gibt es keine der üblichen Standards, sondern traditionelle Songs wie das karibische "A Si Paré" oder eine verblüffend naive Version des französischen Kinderlieds "Sur le pont d'Avignon". "Pipillita" stammt aus der Feder des großen kapverdischen Klarinettisten Luis Morais, der zusätzlich noch einen eigenen Track gewidmet bekommt. "Morais Spirit" heißt bei uns in der Musik-Abteilung intern nur "Volare" - reinhören, und Sie wissen, warum. Auch die anderen Titel sind Vorbildern gewidmet, wie das 11-minütige Tribut "One Note For Miles" oder "Ballad for Roy Hargrove", die Ode an Omicils Lieblingstrompeter. Sehr gelungen ist auch die Hommage an Tinariwen, "TWA Groove", ein hypnotischer Desert-Blues-Groove, um den Omicil seine Saxophon-Schleifchen bindet.

Im Trailer-Clip zum Album erzählt Omicil, dass er über seine Musik nicht großartig nachdenkt, sondern dass er sie fühlt. Ich denke dabei an eine steinalte "Definition" des Jazz vom großen kreolischen Jazzpionier Sidney Bechet, in der es sinngemäß heißt: Jazz ist ein Weg, etwas aus seinem Innersten heraus zu sagen, das soweit zurückreicht wie die Zeit. Zurück bis nach Afrika. Dieser spirit ist in jeder Sekunde von "Let's Bash!" präsent.


Lars Danielsson / Liberetto III / ACT / 1 CD, € 17,99 / 1 Vinyl, € 17,99

Der schwedische Bassist und Cellist Lars Danielsson ist einer der großen Melodiker des europäischen Jazz. Seine ausgefeilten Kompositionen schaffen meist mühelos den Spagat zwischen komplexen Harmonien und memorablen Melodien - eine akustische Version der Klarheit skandinavischen Designs. In seinen exquisit zusammengestellten Formationen beweist er vor allem ein gutes Händchen für außergewöhnliche Pianisten. Auf die Zusammenarbeit mit dem Polen Leszek Mozdzer ("Pasodoble" und "Tarantella") folgten die ersten beiden "Liberetto"-Projekte mit dem jungen Armenier Tigran Hamasyan. Im nun vorliegenden dritten Teil dieser Reihe wählte Danielsson den aufstrebenden karibischen Pianisten Grégory Privat, dessen letztjähriges Album mit eigenem Trio ("Family Tree") ein absoluter Favorit unserer Jazz-Abteilung ist. Bewährte Begleiter sind der Schlagzeuger Magnus Öström, der britische Gitarrist John Parricelli und Trompeter Arve Henriksen.

Das "Liberetto"-Konzept trägt seine Idee schon im Namen: Hier verbindet sich das formale Prinzip europäischer Klassik mit der improvisatorischen Freiheit des Jazz. Von Beginn an wird dieses Spannungsfeld ausgelotet. Nach einem kurzen "Preludium" erklingt mit "Agnus Dei" eine nahezu sakrale Weise, getragen von Henriksens Trompete und dem Englischhorn von Gastmusiker Björn Bohlin. Die Diskrepanz zum darauf folgenden "Lviv" könnte kaum größer sein. Befeuert von klappernden Drums duellieren sich Grégory Privat und Danielsson mit lateinamerikanischen Piano-Improvisationen und melodiösen Bass-Passagen. Musikalische Streifzüge führen von Spanien ("Sonata In Spain") bis in die Türkei. "Taksim By Night" atmet den Flair orientalischer Basare auch durch das virtuose Oud-Spiel von Hussam Aliwat. Gitarren-Genie Dominic Miller veredelt mit seiner Akustischen gar eine offensichtliche Hommage an ihn selbst ("Mr. Miller"). Produziert wurde die 54minütige Ode an die Schönheit und melodische Vielfalt von Danielssons langjähriger Verbündeter, der dänischen Sängerin Caecilie Norby.


Eyal Lovett Trio / Tales From A Forbidden Land / Two Rivers Records / 2CDs / € 17,99

Reflektionen über Inhalte und Themenkomplexe bedürfen nicht zwangsläufig der Sprache. Musiker, insbesondere Jazzmusiker, wissen um dieses Phänomen. Den in Berlin lebenden israelischen Jazzpianisten Eyal Lovett und seine drei Begleiter beschäftigen auf dem Doppelalbum "Tales From A Forbidden Land" offenbar Fragen nach Zugehörigkeit, Heimat, Identität und die Suche danach. Songtitel lauten "A Song For A Beloved Land", "I Have No Other Land", "Hope Without Borders" oder gar "A Promised Land". Und sie haben musikalisch einiges zu erzählen.

Das Trio aus Lovett, dem Bassisten Kenneth Dahl Knudsen und Schlagzeuger Aidan Lowe wird auf weiten Teilen des Albums durch den renommierten Gitarristen Gilad Hekselman zum Quartett ergänzt. Aufgenommen wurde an zwei Tagen im Oktober 2015 in der Wohnzimmeratmosphäre des AudioCue Tonstudios von Rainer Robben in Berlin-Prenzlauer Berg.

Die dreizehn überwiegend längeren Stücke (7-10 Minuten), meist Eigenkompositionen, verraten eine innige Beziehung zum klassischen romantischen Piano und zur Melodie und Rhythmik der Levante. Eyal Lovett erweist sich als vielseitiger, einfühlsamer Pianist und als Komponist erstaunlich eingängiger Melodien. KD Knudsen darf seinen sehr präsenten, vollmundigen Akustik-Bass in längeren Solo-Passagen zum Klingen bringen und Drummer Aidan Lowe unterfüttert die Songs durch flexibles, variantenreiches Schlagzeugspiel. Den sensationellen Effekt der Produktion macht jedoch das Zusammenspiel von Lovett und Gitarrist Gilad Hekselman aus. Beide Musiker adaptieren häufig die Spielweise des jeweils anderen, so dass die Gitarre "pianistisch" klingt, während Lovetts Klavier Gitarrenarbeit verrichtet - exemplarisch zu hören im 10-minütigen "Japanese Tale". Ein weiterer Höhepunkt des Albums ist das 7minütige "Something Begins, Something Ends", ein Track wie für einen imaginären Arthaus-Western mit Pink Floyd-Gitarre, New Orleans Piano und einer Melodie, die mich stark an "Moon River" erinnert. Womit wir einen Kreis schließen können, denn aus der Feder des Komponisten Henry Mancini und des Texters Johnny Mercer stammt auch "Days Of Wine And Roses", die einzige Coverversion eines Standards auf dem Album.

Yaron Herman, Shai Maestro, Omer Klein - israelische Pianisten sorgen seit einigen Jahren durch konstant hochwertige Arbeit für Aufsehen in der Jazzwelt. Herzlich willkommen im Club, Eyal Lovett!

KONZERTREIHE
Vocal Jazz, Jam & Food / Werkstatt der Kulturen / sonntags 16-20 Uhr

Die Werkstatt der Kulturen in Neukölln ist als Veranstaltungsort leider nach wie vor nur ein Geheimtipp unter den Kulturinteressierten der Stadt. Das schöne alte Brauereigebäude mit seinen multifunktionalen Räumlichkeiten beherbergt seit 25 Jahren eines der wichtigsten kulturellen Projekte der Stadt. Unter dem Leitmotiv "We Celebrate Cultural Difference!" bietet die Werkstatt ein Podium für unterschiedlichste Formen künstlerischen Ausdrucks für Menschen jedweder Herkunft.

Jazz spielte schon immer eine wichtige Rolle im Programmplan der Werkstatt der Kulturen. Einer der wichtigsten Protagonisten ist dabei der amerikanische Schlagzeuger Eric Vaughn, den es vor einigen Jahren von Atlanta nach Berlin verschlagen hat. "Naked Jazz" heißt bezeichnenderweise sein Konzept, unter dem der bestens vernetzte Drummer als Gastgeber und Musiker seinen Freundes-und Bekanntenkreis zu Jam Sessions zusammenruft.

Jetzt hostet er den gesamten Sommer über an jedem Sonntag von 16 bis 20 Uhr im idyllischen Gartencafé der Werkstatt die Reihe "Vocal Jazz, Jam & Food", in der befreundete Sänger mit locker wechselnden Besetzungen klassischen Standards des Vocal Jazz huldigen. In super-entspannter Atmosphäre chillt ein angenehmes und interessiertes Publikum an Biertischen oder auf der Wiese und verpflegt sich mit leckerem Soulfood vom Grill und Getränken aus dem Werkstattcafé. Und wenn der Gastgeber nicht selbst am Schlagzeug sitzt, verteilt er schon mal als "Watermelon Man" aufgeschnittene Melonenscheiben an das Publikum.

"Vocal Jazz, Jam & Food" findet jeweils sonntags von 16 bis 20 Uhr in der Werkstatt der Kulturen statt. Die WdK befindet sich in der Wissmannstr. 32 in Neukölln unweit vom Hermannplatz. Der Eintritt ist frei, eine Spendenbox ist vorhanden.

JAZZY THING

Born To Be Blue / Biopic über Chet Baker / jetzt im Kino und auf Englisch als DVD im KulturKaufhaus

Glanz und Elend ganz nah nebeneinander - das war das Leben des Trompeters und Sängers Chet Baker. Ein Anfang als "James Dean des Jazz", ein Ende als von Drogen zerfurchtes Wrack. In Robert Budreaus Film "Born To Be Blue" spielt Ethan Hawke den Musiker mit großer Intensität. Auch die musikalische Atmosphäre überzeugt: Mit der Trompete am Mund wirkt Hawke, als spiele er selbst (er soll für die Rolle extra Trompeten-Unterricht genommen haben). Und wenn er berühmte Songs aus Bakers Repertoire wie "I've Never Been in Love Before" und "My funny Valentine" singt, dann ist das stimmig.

"Born To Be Blue" läuft in vielen Berliner Kinos. Wir haben den Film in der englischen Version auch schon auf DVD da!
 

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