]]> Aktuelles ‹ Das KulturKaufhaus ‹ Dussmann das KulturKaufhaus

Aus dem Haus

Für Sie rezensiert: Jazz-News aus dem KulturKaufhaus

  • 07.08.2017

Aus den vielen neuen Platten hat unser Musik-Mitarbeiter Stefan Schmidt seine vier Favoriten herausgepickt und rezensiert. Möchten Sie die Jazz-Tipps regelmäßig per E-Mail erhalten? Dann abonnieren Sie unseren Jazz-Newsletter HIER.

Übrigens: Unsere Jazz-Tipps gibt es jetzt auch zum Anhören in einer PLAYLIST.

The Passion Of Charlie Parker / Impulse / 1 CD, € 18,99 / 2 Vinyl, € 29,99

Skepsis schien angebracht, als ich von dem Projekt erfuhr: ausgewählte Kompositionen von Charlie Parker, vertont von Rock-Lyriker David Baerwald zu Motiven aus Parkers Biographie und gesungen von der Elite momentan erfolgreicher jazznaher Interpreten. In den falschen Händen kann so etwas zu einer peinlichen Nummernrevue geraten.

Es spricht für Integrität und künstlerische Klasse des handelnden Personals, wenn das Resultat dann zu einem (unerwarteten) Triumph wird. Unter den Produzentenhänden des erfahrenen Larry Klein lassen Saxophonist Donny McCaslin und Gitarrist Ben Monder (seit Bowies "Blackstar" allgegenwärtig) im Zusammenspiel mit Drummer Eric Harland und dem großartigen Pianisten Craig Taborn (Scott Colley und Larry Grenadier am Bass) Parkers fiebrigen Bebop als dunkel schimmernden Ambient-Jazz auferstehen und überlassen das Swingen weitgehend den exquisiten Vokalisten.

Mit Gregory Porter, Kurt Elling, Melody Gardot und Madeleine Peyroux leihen einige Superstars des Vocal Jazz den Parker'schen Kompositionen ihre Stimme. Der Nachwuchs ist vertreten durch die junge französische Scat-Sensation Camille Bertault ("Au Privave") und die wunderbare Kandace Springs. Der Schauspieler Jeffrey Wright vokalisiert den desillusionierten Junkie "Bird" in den beiden dunkelsten, fast bedrohlichen Nummern des Albums. Überraschender Höhepunkt ist eine atemberaubende "Visa"-Version von der kanadischen Sopranistin Barbara Hannigan.

Unterm Strich steht eine sowohl inhaltlich als auch musikalisch schlüssige und überzeugende Umsetzung eines riskanten Konzepts. Pflichtprogramm für undogmatische Bird-Fans und für die Uneingeweihten eine gute Einstiegsdroge in die Musik eines der großen Genies des Jazz.

Jazzmeia Horn / A Social Call / Prestige / 1 CD / € 19,99

Da wurde schon bei Namensgebung einiges richtig gemacht: Jazzmeia Horn aus Dallas, Texas, gerade mal 26 Jahre alt, klingt wie die geborene Jazzsängerin. Musikalisch sozialisiert mit Sarah Vaughn und Betty Carter, studierte sie später an der Manhattan New School For Jazz und räumt seit einigen Jahren die Preise bei bedeutenden Wettbewerben in der Kategorie "Vocal Jazz" ab.

Ihr Debütalbum ist eine minutiös durchdachte Affäre, bei der alle Qualitäten der selbstbewussten Sängerin voll zum Tragen kommen. Horn entschied sich für eine kleine akustische Besetzung aus Piano, Bass und Schlagzeug (Victor Gould, Ben Williams und Jerome Jennings), die bei Bedarf um eine Bläsersektion aus Posaunist Frank Lacy, Trompeter Josh Evans und Saxophonist Stacy Dillard erweitert wird. Zusammen realisieren sie einen Sound, der vom klassisch swingenden Trio-Jazz bis hin zu frenetischen Afro-Jazz Improvisationen reicht.

Das Songmaterial ist eine ausgeklügelte Mischung aus Standards, geschmackvollem 70s Soul und in Stein gemeißelten Klassikern. Souverän gleitet Horn durch den Opener, Betty Carters "Tight", gefolgt vom honigsüßen "East Of The Sun (And West Of The Moon)". Später scattet sie sich noch durch eine fetzige Version des Johnny Mercer-Klassikers "I Remember You". Bemerkenswert sind jedoch die längeren, Bläser-unterstützten Tracks, in denen Jazzmeia Horn auch sozio-politische Statements zum Ausdruck bringt. Die afro-amerikanische Traditionshymne "Lift Every Voice And Sing" kombiniert sie mit Bobby Timmons' "Moanin´" und "People Make The World Go Round" von den Stylistics gerät ihr zu einer textlich wie musikalisch bemerkenswerten Anklage gegen die bestehenden Verhältnisse in der Welt. Höhepunkt ist das dreizehnminütige Medley "Afro Blue/Eye See You/Wade In The Water", ein aufwühlender akustischer Kurztrip durch die afro-amerikanische Historie "from the jungle to the Gospel". Der abschließende Neo-Soul des 76er Rose Royce-Hits "I'm Going Down" wirkt danach wie ein willkommenes Betthupferl. Jazzmeia Horn zeigt auf ihrem Debüt, wofür andere Jahre brauchen: eine vollständig ausgeformte künstlerische Persönlichkeit mit eigenständiger, starker Vision.

Charnett Moffett / Music From Our Soul / Motema / 1 CD / € 16,99

Vor genau 30 Jahren erschien auf Blue Note das Debütalbum des damals knapp 20jährigen Bassvirtuosen Charnett Moffett. Dieses Jubiläum begeht Moffett mit der Veröffentlichung von "Music From Our Soul", das seine stilistische Vielseitigkeit und spieltechnische Meisterschaft feiert. Die Aufnahmen speisen sich aus vier verschiedenen Quellen in graduell unterschiedlichen Besetzungen. Der Löwenanteil (jeweils vier der insgesamt dreizehn Tracks) stammt von zwei Konzerten aus dem Frühjahr 2015.

Beim 40. Jazz Festival in Bern spielte Moffett im Quartett mit dem Pianisten Cyrus Chestnut, dem Gitarristen Stanley Jordan (der schon auf besagtem Debütalbum dabei war) und dem sensationellen Jeff "Tain" Watts, einem der unbestreitbar weltbesten Schlagzeuger. Hier dominieren flüssige Grooves und klassischer Fusion-Jazz ("Mediterranean") mit prominentem bundlosen E-Bass-Spiel vom Bandleader.

Die vier Tracks aus Dimitrous Jazz Alley in Seattle sind ein deutlich anderes Kaliber. Statt Chestnut spielt hier Pharoah Sanders mit der ansonsten unveränderten Besetzung. Die noch immer druckvoll kommandierenden Phrasen des legendären Tenorsaxophonisten, der schon mit Charnetts Vater Charles zusammenspielte, münden in freie, Coltrane-inspirierte Exkursionen und warmen, spirituellen Afro-Jazz (zum Beispiel im wunderbaren Titeltrack). Ungeachtet der großartigen Musikalität aller Beteiligten bleibt der Bass der Star des Albums. Ob elektrisch oder akustisch: Moffetts muskulöses, fließendes Spiel sucht seinesgleichen.

Verneri Pohjola / Pekka / Edition / 1 CD / € 14,99

Der finnische Trompeter Verneri Pohjola bestätigt mit jedem neuen Album seine Position als einer der wichtigsten Protagonisten des zeitgenössischen skandinavischen Jazz. In seiner aktuellen Veröffentlichung stellt er sich etwas überraschend der Bürde seines Namens.

"Pekka" ist Verneris Auseinandersetzung mit dem Werk seines Vaters Pekka Pohjola - einer finnischen Musikerlegende, der vor allem in den 70er Jahren als Jazz/Rock-Bassist weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt war. In den liner notes des Albums erfahren wir, dass der 2008 verstorbene Vater und dessen Werk, bedingt durch die frühe Scheidung der Eltern, für Verneri lange Zeit ein Phantom war.

Womöglich gelingt Verneri Pohjola dadurch eine freizügige Herangehensweise an das Material. Die sieben längeren Tracks (zwischen 7 und 14 Minuten) sind intensive, bildhafte Streifzüge durch die Originalkompositionen und verraten eine zutiefst individuelle Vision, die weit entfernt ist von einem bloßen Update. Pohjolas abenteuerlustiges Spiel ist deutlich an Miles Davis geschult, lässt aber genügend Raum für Gitarre, Bass, Drums und Fender Rhodes seiner vier Mitstreiter.

Mit "Pekka" gelingt Verneri Pohjola Erstaunliches: eine Emanzipation vom scheinbar übermächtigen Werk des Vaters und gleichzeitig eine mögliche Neubewertung des Kanons. Vor allem aber die hochverdiente Anerkennung für ein exzellentes, eigenständiges und zeitgemäßes Jazzalbum.

 

 

0 Kommentare

Mein Kommentar

Die Kommentarfunktion ist für diesen Artikel deaktiviert.

0 Kommentare

Dussmann das KulturKaufhaus

Mo-Fr 09-24 Uhr

Sa 09-23:30 Uhr

Tel: +49-30-2025-1111
Sonntag geöffnet1. Oktober, 13-20 Uhr

Archiv