Aus dem Haus

Aktuelle Jazz-Alben: Persönlich für Sie rezensiert

  • 16.09.2017

In unserem aktuellen Jazz-Newsletter hat unser Mitarbeiter Stefan Schmidt vier Jazz-Alben für Sie rezensiert, die Sie seiner Meinung nach unbedingt hören sollten. Zwei davon beschäftigen sich auf höchst spannende Art und Weise mit John Coltrane. Dessen Todestag jährte sich im Juli zum 50. Mal. Das haben wir zum Anlass genommen, um Ihnen auch lesenswerte Bücher und einen Dokumentarfilm über den Jazz-Erneuerer zu empfehlen.

UNSERE EMPFEHLUNG
DeJohnette, Grenadier, Medeski, Scofield / Hudson / Motema / 1 CD / € 15,99

Das Tal des Hudson River ist seit Generationen ein beliebter Rückzugsort für Künstler aller Fakultäten. Die kraftvolle Schönheit der Landschaft und seine Abgeschiedenheit bei gleichzeitiger Nähe zur Metropole New York hat die Region in eine großflächige Künstlerkolonie mit eigenen Mythen verwandelt. Hier entstanden die legendären "Basement Tapes" von Bob Dylan und "The Band", nur wenige Meilen entfernt liegt Woodstock, die wohl berühmteste Kleinstadt der Welt und ein Mekka für Rockfans.

Im Oktober 2014 bot das Woodstock Jazz Festival die Bühne für ein Zusammentreffen von vier im Umkreis lebenden Musikern, das spektakulärer kaum hätte sein können - handelte es sich dabei doch um die Schlagzeuglegende Jack DeJohnette, den Gitarristen John Scofield, Keyboarder John Medeski und den Bassisten Larry Grenadier. Unter dem Projektnamen " Hudson" ist nun ein Studioalbum dieser Formation erschienen, das auch inhaltlich ganz im Zeichen seiner Herkunft steht.

Fünf der elf Tracks des Albums sind Bearbeitungen (ich scheue in diesem Fall das Wort "Coverversion") von Rock-Klassikern, deren Urheber eng verknüpft sind mit Woodstock oder seinem "spirit". Dylans "Lay Lady Lay" schwingt auf einem leichten Reggae-Beat, während "A Hard Rain's Gonna Fall" von langen Gitarren-Abstraktionen und Medeskis Hammond B3 dominiert wird. "Up On Cripple Creek" von The Band und Hendrix' "Wait Until Tomorrow" atmen den Geist der Originale und Joni Mitchells "Woodstock" wird behutsam und respektvoll in Szene gesetzt.

Der Höhepunkt steht jedoch gleich am Anfang. Im 11-minütigen Titelstück konzentrieren sich alle Qualitäten des Albums. Über den dicken hölzernen Planken von Grenadiers Bass-Noten und DeJohnettes präzisen, spartanischen Drums formt Scofield, im Störfeuer von Medeskis kurzen Keyboard-Attacken, kunstvolle Gitarrenläufe, die permanent vertraute Themen zu zitieren scheinen. Eine ruhige, konzentrierte Kraft liegt in dieser Musik, die wie ein Fluss trotzdem immer wieder unerwartete Strudel oder Stromschnellen bereithält.

"Hudson" fusioniert meisterhaft improvisatorische Freiheit des Jazz mit den Strukturen der klassischen Rocksongs, ohne dabei in eine Jazzrock-Schablone zu geraten. Ein auch für viele Rockhörer unmittelbar zugängliches Werk, das trotzdem keinen Jazz-Fan verprellen wird. Und, nebenbei bemerkt, ein klangtechnisches Kleinod.

Höchstwertung!

UNSERE EMPFEHLUNG
Charles Lloyd New Quartet / Passin‘ Thru / Blue Note / 1 CD, € 17,99 / 1 Vinyl, € 32,99

1967 spielte das Charles Lloyd Quartett (mit den Jungspunden Keith Jarrett und Jack DeJohnette) auf dem allerersten Montreux Jazz Festival. Lloyd galt zu dieser Zeit als DER neue Name im amerikanischen Jazz. "Dream Weaver" hieß das damals frisch erschienene Album, das heute zu den Highlights der umfangreichen Diskographie des Saxophonisten gehört. Und mit "Dream Weaver" beginnt auch das aktuelle Album "Passin' Thru" von Charles Lloyd und seinem "New Quartet". Die Aufnahme entstand am 30. Juni 2016 auf dem Eröffnungskonzert des 50. Montreux Jazz Festivals. Welch eine unglaubliche Reise!

Die höchst willkommene Rückkehr seines "neuen" Quartetts mit den begnadeten Kollegen Jason Moran (Piano), Reuben Rogers (Bass) und Eric Harland (Schlagzeug) nach mehrjähriger Pause beschert uns dieses Live-Album, dessen sechs weitere Tracks einen Monat später in Santa Fe aufgenommen wurden. Obwohl tief in Lloyds Repertoire abgetaucht wird (das furiose Titelstück entstand Anfang der 60er für das gleichnamige Chico Hamilton-Album), sind die Musiker meilenweit von einem nostalgischen Trip entfernt - es vibriert förmlich vor Energie und Unmittelbarkeit. Das Zusammenspiel der vier Musiker ist traumwandlerisch und fantasievoll und Lloyd phrasiert auch in den freien, losgelösten Passagen mit einer meditativen Entspanntheit, die sich auf uns Hörer überträgt. Besonders erwähnenswert in diesem durchweg exzellenten Set ist eine Re-Imagination seines Stücks "Tagore" vom indischen Subkontinent in den Süden der USA. "Tagore On The Delta" erscheint hier als Blues, bei dem Jason Moran die Saiten im Klavierkörper anschlägt und Lloyd Querflöte spielt.

Die gelassene Klarsicht, mit der der mittlerweile 79jährige Charles Lloyd seinem Alter begegnet, äußert sich nicht nur im Albumtitel, sondern auch in dem bemerkenswerten Foto auf der Rückseite des Covers. Dort sieht man ihn von hinten, Treppenstufen hinaufsteigend, aus dem Dunkeln in ein gleißendes Licht.

UNSERE EMPFEHLUNG
Denys Baptiste / The Late Trane / Edition Records / 1 CD / € 14,99

Die innovative und emotionale Musik des genialen John Coltrane ist auch fünfzig Jahre nach dessen Ableben Inspiration und Energiequelle für Künstler und Kreative aller Generationen und Genres. Denys Baptiste, britischer Saxophonist mit karibischen Wurzeln, wagt den Schritt in die "giant (foot)steps" des selten gecoverten spirituellen Spätwerks des Giganten und landet einen Triumph.

"The Late Trane" greift acht Coltrane-Kompositionen auf und addiert zwei Originale von Baptiste: "Astral Trane" und "Neptune" (ein auf "Interstellar Space" fehlender Planet). Baptiste gelingt das Kunststück, den Kern der Kompositionen zu lokalisieren und in seinen persönlichen musikalischen Kosmos zu transportieren, nämlich den eines britischen Jazzers des Jahrgangs 69. Exemplarisch schon der großartige Opener "Dusk Dawn" mit seiner majestätischen Tenorfanfare, die von Piano und Bass in einen smarten Bossa überführt wird und in einem lässigen Reggae-Rhythmus endet. Im 9-minütigen "Vigil" duellieren sich Baptiste und Gast-Tenor Steve Williamson über grummelndem Bass und Funk Drums, während "Transition" in eine elegante Ballade transformiert wird. Die begleitenden Musiker sind Spitzenkräfte der britischen Jazz-Szene, namentlich Bassist Gary Crosby ("Jazz Warriors") und die fantastische Pianistin Nikki Yeoh.

"The Late Trane" ist eine erfrischende Hommage an einen Großmeister des Jazz und zugleich die ureigene Vision eines bedeutenden zeitgenössischen Saxophonisten. Verpassen Sie nicht den Zug!

UNSERE EMPFEHLUNG
Tommy Smith / Embodying The Light / Spartacus Records / 1 CD / € 17,99

Der vielseitige schottische Saxophonist Tommy Smith, Gründer und Leiter des Scottish National Jazz Orchestra, hat für sein Coltrane-Tribut zusätzlich noch das Timing auf seiner Seite. Mit "Embodying The Light - A Dedication To John Coltrane" begeht Smith sowohl den fünfzigsten Todestag des Meisters, als auch seinen eigenen fünfzigsten Geburtstag.

Wie Baptiste streut auch Smith eigene Kompositionen mit deutlichem Coltrane-Bezug in den Set ein. Die ausgewählten Originale sind eher klassisch ("Naima", "Resolution") und Gershwins "Summertime" verweist auf die Coltrane-Version des Albums "My Favorite Things". Puristisch ist auch die Herangehensweise an das ursprüngliche Material. Smith ist ein Alleskönner, ausgestattet mit fabelhafter Spieltechnik und makellosem Ton, der auch schwierigste Passagen souverän meistert. Seine Adaptionen sind eine tiefe Verbeugung vor Form und Inhalt der klassischen Vorlagen, ohne in notengetreues Kopieren zu verfallen.

Auf allerhöchstem Niveau - wie nicht anders zu erwarten war - agieren auch seine Begleiter. Allen voran steht der selbstbewusste junge Pianist Pete Johnstone, der auf "Resolution" seinen "McCoy Tyner-Moment" abliefert. Bassist Calum Gourlay und der niederländische Drummer Sebastiaan De Krom nutzen die Länge der Tracks (meist 8-11 Minuten), um Flexibilität und Einfallsreichtum zu beweisen.

Ein Tributalbum voll Leidenschaft, Überzeugung und spieltechnischer Meisterschaft.

DREI, DIE SIE KENNEN SOLLTEN!
Lesenswerte Biografien über John Coltrane

Peter Kemper / John Coltrane / Reclam / 207 S. / € 25,00
Peter Kemper ist ein intensives Porträt von John Coltrane gelungen, für das er aus zahlreichen Berichten, Dokumenten und Büchern zitiert. Auch Kollegen und Mitspieler kommen zu Wort. Kempers Ansatz ist herauszufinden, welche Triebkräfte hinter Coltranes Klang liegen und warum seine Musik noch heute über sich hinausweist und berührt. Klicken Sie hier für einen Blick ins Buch.

Karl Lippegaus / John Coltrane / Edel / 320 S. / € 29,95
Karl Lippegaus hat eine äußerst lebendige und anregende Coltrane-Biografie geschrieben, in der er dessen Leben anhand seiner musikalischen Entwicklung schildert. Er analysiert Coltrane-Aufnahmen und macht Klänge mit Wortbildern hörbar. Nebenher erzählt er zahllose interessante Geschichten und Anekdoten, wie zum Beispiel von Coltranes ständiger Suche nach neuen Mundstücken. Einmal kaufte der Saxofonist ein Exemplar, das angeblich aus dem Metall eines deutschen Panzers hergestellt war. Doch der Sound sagte ihm nicht zu.

Chris DeVito / Coltrane on Coltrane: The John Coltrane Interviews / Chicago Review Press / 416 S. / € 18,49
Das englischsprachige "Coltrane auf Coltrane" enthält jedes bekannte Coltrane-Interview! Einige davon waren bisher unveröffentlicht, viele wurden für das Buch neu transkribiert. Außerdem enthalten sind Artikel, Reminiszenzen sowie Auszüge von Coltranes persönlicher Korrespondenz. 

 

 

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