Aus unserem Jazz-Newsletter: neue Jazz-Alben für Sie rezensiert

UNSERE EMPFEHLUNG

Souljazz Orchestra / Under Burning Skies / Strut Records / 1 CD, € 16,99 / 1 Vinyl, € 22,99

Wie angenehm, wenn eine Formation schon bei der Namensgebung für klare Verhältnisse sorgt. Beim Souljazz Orchestra aus Kanada braucht man keine Packungsbeilage, denn die Liste der Zutaten ist transparent und überschaubar. Sie besteht zu großen Teilen aus den genannten Wirkstoffen Soul und Jazz, angereichert mit einer gesunden Dosis tropischer Zutaten wie Afrofunk-Bläsern oder karibischer Rhythmen. Gelegentlich enthält es Spurenelemente von Reggae, Dub oder Electro.

Souljazz Orchestra wird angewendet bei akutem Fernweh, anhaltender depressiver Stimmung, Unterfunktion der Tanzbeine oder allgemeiner Lethargie. Bei erstmaliger Einnahme von Souljazz Orchestra kann es zu ungewohnter Euphorie und verstärkter Adrenalinausschüttung kommen.

Soweit nicht anders verordnet kann Souljazz Orchestra zu allen Tages-und Nachtzeiten, alleine oder in Umgebung anderer Personen eingenommen werden. Bisher sind keine Hinweise auf eine akute Überdosierung bekannt. Es besteht zwar das Risiko einer Abhängigkeit vom Präparat, die jedoch völlig ungefährlich ist. Bekannte Nebenwirkungen sind zuckende Gliedmaßen, Dauergrinsen und Sauerstoffmangel als Folge ausdauernden Tanzens.

Souljazz Orchestra ist unbedingt jederzeit und für jeden zugänglich aufzubewahren.

UNSERE EMPFEHLUNG
Blue Note All-Stars / Our Point Of View / Blue Note / 2 CDs , € 19,99 / 2 Vinyl, € 29,99

Auch fast achtzig Jahre nach seiner Gründung ist Blue Note Records noch immer die erste Adresse für künstlerisch herausragende Musiker mit kommerziellem Potenzial im amerikanischen Jazz. In die Fußstapfen legendärer Größen wie John Coltrane, Lee Morgan, Thelonious Monk, Grant Green, Ron Carter und Art Blakey tritt mittlerweile eine junge Generation exquisiter Instrumentalisten. Sechs von ihnen, die jeder für sich auf eine beeindruckende musikalische Vita verweisen können, spielten nun unter dem Signum "Blue Note All-Stars" das Doppel-Album "Our Point Of View" ein.

Das atemberaubende Line-Up besteht aus Saxophonist Marcus Strickland, dem Trompeter Ambrose Akinmusire, Keyboarder Robert Glasper, dem Gitarristen Lionel Loueke, Bassist Derrick Hodge und Schlagzeuger Kendrick Scott. Initiator des Projekts war Blue Note-Präsident Don Was, der das Album auch co-produzierte.

Erfreulicherweise vermeidet das Projekt alle Klischees, die vergleichbaren Meetings oft anhaften. Anstelle von abgehangenen Standards in respektvollen Neubearbeitungen spielt das Sextett fast ausschließlich Eigenkompositionen aller Beteiligten in packenden Arrangements. Kendrick Scotts "Cycling Through Reality" bringt das Album sofort auf Touren: flüssige, improvisiert wirkende Soli von Sax, Trompete und Keyboards, eingewickelt in rastlose Bassfiguren und Scotts treibende Drums reißen den Hörer sofort vom Hocker. Mein persönliches Highlight ist "Message Of Hope" von Derrick Hodge, das schon auf dessen eigenem Debütalbum herausragte. Basierend auf einem hoch melodischen Bassthema, den extravaganten Gitarrenläufen und der vokalen Lautmalerei von Lionel Loueke, zeigt der Track die eher lyrische Seite der Formation.

Die beiden Fremdkompositionen stammen von Wayne Shorter. "Witch Hunt" aus dessen 1965er Klassiker "Speak No Evil" erfährt hier eine 17-minütige Spezialbehandlung und bei "Masquelero", einem Track vom Miles Davis-Album "Sorcerer" bekommen Shorter und Herbie Hancock (beide auch auf dem Original zu hören) einen kurzen Gastauftritt.

"Our Point Of View" würdigt die Historie der großen Vorbilder und ist zugleich aufregend aktuell. Bruce Lundvall, der 2015 verstorbene und auf dem Album speziell gewürdigte langjährige Präsident von Blue Note Records, behauptete auf einer Grammy-Verleihung im Jahr 2011, es gäbe mehr kreative Stimmen im Jazz als je zuvor. Die Blue Note All-Stars sind ein lebendiges Argument.

UNSERE EMPFEHLUNG
Björn Meyer / Provenance / ECM / 1 CD / € 19,99

Björn Meyer hat vor einigen Jahren ein persönliches Ritual etabliert: 27 Tage vor einem Konzert beginnt der Bassist, all seine musikalischen Vorbereitungen wie Improvisationen, Übungsstücke oder Kompositionsfragmente aufzunehmen. Aus dem entstandenen Material schneidet er exakt 60 Sekunden heraus und postet diesen Soundschnipsel auf seiner Homepage unter der Überschrift "bass experiments sketchbook". Mehr als 150 dieser Schnipsel bilden die Basis für das nun vorliegende Soloalbum "Provenance".

Björn Meyer ist kein unbeschriebenes Blatt. Der Schwede, der seit Jahren in der Schweiz lebt, war dort lange Zeit festes Mitglied bei Nik Bärtschs RONIN, deren elektronischen Zen Funk er mit seinem E-Bass entscheidend prägte. Eher ungewöhnlich für einen elektrischen Bassisten waren seine diversen Arbeiten in rein akustischen Settings wie denen des Oud-Virtuosen Anouar Brahem und des Nyckelharpa-Spielers Johan Hedin. Oder aus denen der persisch-schweizerischen Harfinistin Asita Hamidi, seiner 2012 verstorbenen Lebenspartnerin, der das Album auch gewidmet ist.

Die Herausforderung, das einzige elektrische Instrument in einem ansonsten akustischen Setting zu spielen, hat Meyers Spielweise, Technik und Klangvorstellung stark beeinflusst und verändert. Bei den Aufnahmen zu seinem Album haben zudem die Soundästhetik des Produzenten Manfred Eicher und der Raumklang des Radio-Studios in Lugano dem Musiker neue, unerwartete Facetten eröffnet.

Hauptinstrument der zwölf Stücke des Albums ist die elektrische Bassgitarre (gelegentlich auch eine speziell gefertigte akustische Bassgitarre), teilweise bearbeitet mit elektronischen Soundscapes. Häufig spielt Meyer in den oberen Registern, was beim Hören den Gitarren-Effekt verstärkt. Die Stücke variieren auf erstaunliche Weise in Tempo und Dynamik und zwischen Akkordfolgen oder delikatem Fingerpicking.

"Provenance" ist ein ungewöhnliches und staunenswert abwechslungsreiches Album nicht nur für Liebhaber der Bassgitarre oder High End-Freaks. Großes Lob mal wieder an das ECM-Label. Solche Alben können eigentlich nur dort erscheinen.

FESTIVAL DES MONATS
Jazzfest Berlin 2017 / 31. Oktober - 05. November / verschiedene Orte in ganz Berlin

Das Jazzfest Berlin ist ungeachtet starker neuer Konkurrenz (XJazz) nach wie vor der Höhepunkt des Berliner Jazz-Kalenders. 2017 liegt die künstlerische Leitung zum dritten und letzten Mal in den Händen von Richard Williams, der das Festival künstlerisch dezent aktualisiert und spürbar politisiert hat. Der Kern der Veranstaltungen findet noch immer an vier Tagen überwiegend im Haus der Berliner Festspiele statt. Allerdings ist das Jazzfest Berlin in diesem Jahr ein 6-Tage-Rennen mit einem zweitägigen Vorlauf am Dienstag und Mittwoch im Lido in Kreuzberg. Hier wird einer eher HipHop-affinen Variante des Nu Jazz gefrönt. Tipp für Dienstagabend: Shabaka Hutchings, ein Liebling dieses Newsletters, mit seinem Südafrika-Projekt "Ancestors".

Erstmalig gibt es auch einen Artist-in-Residence, also einen an allen Tagen präsenten Künstler, der in diversen Projekten und Band-Kontexten zu hören sein wird. Diese Rolle fällt an den US-amerikanischen Komponisten und Bandleader Tyshawn Sorey, einem Multiinstrumentalisten (Schlagzeug, Piano, Posaune) und exponierten Forscher im Spannungsfeld zwischen Komposition und improvisierter Musik. Mit seinem Trio wird er das zentrale Festspielprogramm am Donnerstag auf der großen Bühne eröffnen. Im Late Night-Konzert am Freitag spielt er einen Solo-Set und anschließend im Duo mit dem Saxophonisten Gebhard Ullmann. Außerdem bestreitet er mit der Saxophonistin Angelika Niescier deren Set anlässlich der Verleihung des Albert-Mangelsdorff-Preises. Zum Abschluss am Sonntag "dirigiert" er ein eigens für das Jazzfest konzipiertes Improvisations-Meeting mit circa 20 in Berlin ansässigen Musikerinnen und Musikern.

Ansonsten reicht das Spektrum vom Solokonzert des deutschen Piano-Stars Michael Wollny bis zur NDR Bigband, die eine Komposition ihres neuen Leiters Geir Lysne uraufführt. "Abstracts from Norway" ist eine Hommage an die große norwegische Jazztradition und als Mitwirkende werden u.a. die Sängerin Solveig Slettahjell, der Gitarrist Eivind Aarset und Pianist Helge Lien erwartet. Eine speziell für das Festival geschriebene Komposition, die auf afro-amerikanischen Prison Songs basiert, wird der sensationelle junge Trompeter Ambrose Akinmusire mitbringen. In seinem Sextett spielen u.a. Pianist Gerald Clayton und Drummer Kendrick Scott.

Vielversprechend ist auch der Auftritt der kanadischen Schwestern Ingrid und Christine Jensen (Trompete und Saxophon) mit dem New Yorker Gitarristen Ben Monder, den die Mitwirkung an David Bowies letztem Album "Blackstar" weltweit bekannt machte. Das Festival endet mit einem Tribut an einen Giganten der Jazzgeschichte. John Beasley's MONK'estra stellt die Musik von Thelonious Monk in einen zeitgenössischen Kontext. Als Stargast dieses Sets wird Till Brönner erwartet.

Im A-Trane wird von Donnerstag bis Samstag jeweils ab 21 Uhr in einem 3-teiligen Programm namens "Berlin-London Conversations" dem Brexit getrotzt. Und wen es an außergewöhnliche Orte zieht, der sollte sich den in Chicago geborenen Trompeter Amir ElSaffar nicht entgehen lassen. In der speziellen Akustik der Kirche am Hohenzollernplatz in Wilmersdorf könnte seine Fusion aus Jazz und irakischer Maqam-Musik besonders zur Geltung kommen.

Dussmann das KulturKaufhaus wird wie üblich von Donnerstag bis Sonntagabend mit einem großen Stand im Foyer des Hauses der Berliner Festspiele vertreten sein. Sie finden dort eine große Auswahl an CDs, Vinyl und Büchern zum Thema Jazz mit Schwerpunkt auf die beim Festival vertretenen Künstler.

Alle Informationen zum Programm, den Spielorten und den Tickets finden Sie auf der Website der Berliner Festspiele.

OUT NOW
Bugge Wesseltoft / Everybody Loves Angels / ACT / 1 CD / € 17,99

Nach zwanzig Jahren ein Blick in die Vergangenheit und trotzdem neu und auf dem Punkt: Bugge Wesseltoft kehrt mit den Solopiano-Einspielungen auf "Everybody Loves Angels" zum minimalistischen Ansatz zurück. Die eklektische Songauswahl besticht mit klug ausgewählten Cover-Versionen von Pop Klassikern wie "Let It Be", "Morning Has Broken" und "Bridge Over Troubled Water" ebenso überzeugend wie mit seiner eigenen Komposition "Reflecting" oder den Bearbeitungen von Stücken aus der Klassik. Prädikat ruhig, meditativ, dekonstruktiv und deshalb ungemein fesselnd.


OUT NOW
Dieter Ilg / B-A-C-H / ACT / 1 CD / € 17,99

Nicht schon wieder Bach! Und dann auch noch ein Jazz-Trio! Spontane Gedanken von mir vor dem Auflegen der neuen Scheibe von Dieter Ilg. Dann erklingen die ersten Töne und ein WOW-Moment stellt sich ein. So federleicht und kongenial kann Bach dann doch klingen. Kein Mief, kein 1000x mal gehört. Wie schon bei Beethoven und Wagner auf den letzten beiden Alben gelingt es Dieter Ilg am Bass, Patrice Héral am Schlagzeug und Rainer Böhm am Piano Variationen zu erkunden, die über 12 Stücke so spannend inszeniert sind, dass vermutlich auch Bach seine große Freude beim Hören gehabt hätte.

Live am 9. November, 19:00 Uhr, ist das Dieter Ilg Trio bei einem Kurzkonzert in Auszügen bei uns im KulturKaufhaus zu erleben. Pflichttermin!

 

 

 

Dussmann das KulturKaufhaus

Mo-Fr 09-24 Uhr

Sa 09-23:30 Uhr

Tel: +49-30-2025-1111

Café-Restaurant Ursprung

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