Aus unserem aktuellen Jazz-Newsletter: neue Jazz-Alben für Sie rezensiert

Anouar Brahem, Blue Maqams, ECM, 1 CD, € 17,99. 2 Vinyl, € 29,99

Dem tunesischen Musiker Anouar Brahem gebührt das Verdienst, Millionen abendländische Ohren mit dem Klang der Oud, einer im gesamten arabischen Raum verbreiteten kurzhalsige Laute, vertraut gemacht zu haben. Zwar gab es schon früher auch im Westen populäre Oud-Spieler, wie den Iraker Munir Baschir und den Ägypter Hamza El Din, oder bekannte Zeitgenossen, wie seinen tunesischen Landsmann Dhafer Youssef und den Libanesen Rabih Abou-Khalil. Niemand aber traf den Nerv einer stetig wachsenden, begeisterten Hörerschaft mehr als Brahem.

Er sei eigentlich kein Jazzmusiker, wird Brahem zitiert. Folgerichtig veröffentlicht er seit 1990 auf ECM, das wie kaum ein anderes Label Fusionen zwischen Jazz, EMusik und traditionellen Stilen aus allen Teilen der Welt befördert. Auf seinem neuen Album lässt sich der Jazz-Faktor auch bei aller Bescheidenheit nicht mehr kleinreden: Labelchef Manfred Eicher hat dem tunesischen Meister mit Schlagzeuger Jack DeJohnette und dem Bassisten Dave Holland eine Rhythmusgruppe an die Hand gegeben, die schon 1969 mit Miles Davis "Bitches Brew" eingespielt hatte. Vervollständigt wird das Quartett durch den vielseitigen britischen Pianisten Django Bates, dessen frisches, ideenreiches Spiel eine der vielen Offenbarungen des Albums darstellt.

Der Titel "Blue Maqams" verweist auf die Verbindung von "blue notes" und dem komplexen Modulationssystem der arabischen Kunstmusik, das die Grundlage für Brahems Kompositionen bildet. Und gleich der erste Track "Opening Day" belegt die Stimmigkeit des Konzepts: Brahems Intro wird nach 40 Sekunden von Hollands resonanten Basstönen abgefedert, DeJohnette forciert mit dezenter Beckenarbeit das Tempo und Bates' swingendes Piano tanzt mit den Melodiebögen von Brahems Oud. Vielseitigkeit ist Trumpf: "Bom Dia Rio" überrascht mit brasilianischem Flair und das Titelstück klingt nach verrauchtem Nachtclub in der Medina von Tunis. Das Beste kommt zum Schluss: "Unexpected Outcome" beginnt mit stimmungsvollem Dialog von Bass und Oud und steigert sich kontinuierlich in einen fieberhaften Jazz Jam.

"Blue Maqams" ist nicht nur die bislang "jazzigste" Veröffentlichung in Brahems eindrucksvoller Diskographie, sondern eine Schatztruhe voller funkelnder Preziosen und Überraschungen. Ohne Zweifel eines der besten Alben dieses Jahres und ein weiterer Meilenstein im Katalog von ECM.

Kyle Eastwood, In Transit, Jazz Village, 1 CD, € 17,99. 1 Vinyl, € 21,99

Bringen wir es gleich hinter uns, bevor die Frage gestellt wird (falls Sie es nicht sowieso schon wissen): Ja, Kyle Eastwood ist der Sohn. Wir wenden uns aber dem Künstler und Jazzmusiker Kyle Eastwood zu, der schon in jungen Jahren von der Musik infiziert wurde. Aufgewachsen in Carmel, CA, fand das Monterey Jazz Festival direkt vor seiner Haustür statt und das Gesicht seines jazzbegeisterten Dad war besser als jeder Backstage-Pass.

Heute ist Kylie Eastwood Ende 40, ein renommierter Jazz-Bassist, Bandleader, Komponist diverser Soundtracks (und Gelegenheitsschauspieler), der in Paris lebt und zwischen den Produktionen seiner Alben unermüdlich tourt. Seit seinem Debüt 1998 veröffentlichte er ein knappes Dutzend Alben (inklusive der Soundtracks) mit einer stilistischen Bandbreite von coolem Electro-Jazz über Smooth Jazz bis hin zu klassischem Hard Bop in der Tradition von Art Blakey.

Auf seinem neuen Album "In Transit" spielt er erneut mit seinem kraftvoll swingenden Quartett aus jüngeren britischen Jazzern. Namentlich Pianist Andrew McCormack und Trompeter/Flügelhornist Quentin Collins, die ihn schon seit etwa einem Jahrzehnt begleiten plus Saxophonist Brandon Allen und dem neuen Schlagzeuger Chris Higginbottom. Der italienische Saxophonist Stefano Di Battista gastiert zusätzlich auf vier der zehn Tracks, am auffälligsten beim Thema aus "Cinema Paradiso", einer Referenz des Soundtrack-Komponisten Eastwood an den Großmeister Ennio Morricone.

Auch die weiteren Bearbeitungen von Standards orientieren sich an großen Namen. Thelonious Monks "We See", Count Basies "Blues in Hoss' Flat" und vor allem Mingus' "Boogie Stop Shuffle" mit seinem ausführlichen Bass-Intro kommen in rhythmisch intensiven und äußerst lebhaften Versionen daher, die den Klassikern frisches Blut injizieren.

Alle sechs Originaltitel belegen die kompositorische Klasse der Bandmitglieder und stehen den Standards um nichts nach. Von wenigen Ausnahmen abgesehen ist das Tempo hochtourig und die Stimmung ausgelassen. Der Bandsound ist kompakt und die Spielfreude der Akteure ist fast greifbar. Volle Punktzahl!

David Virelles, Gnosis, ECM, 1 CD, € 19,99. 2 Vinyl, € 29,99

Auf seiner Entdeckungsreise in das heiße Herz afro-kubanischer Musiktraditionen hat der auf Kuba geborene und mittlerweile in New York ansässige junge Pianist David Virelles in den letzten Jahren einige außergewöhnliche Produktionen abgeliefert. Fernab vom konventionellen Latin-Jazz der fetten Bläsersätze und tanzbaren Rhythmen bewegt sich Virelles mit seinem Ensemble eher auf den Pfaden strukturierter Improvisation.

Mit "futuristische afro-kubanische Kammermusik" wurde die Uraufführung von "Gnosis" im Jahr 2015 treffend überschrieben - jetzt erscheint das ambitionierte Projekt, eine organische Komposition in 18 Stücken mit einer Spielzeit von 52 Minuten, als Album bei ECM.

Das 14-köpfige Ensemble aus Streichern, Holzbläsern und diversen Perkussionsinstrumenten sowie dem Bassisten Thomas Morgan und Master Drummer Roman Diaz als "Spiritus Rector" agiert meist in Kleingruppen denn als geballter Klangkörper. Auf diese Weise entsteht ein mannigfaltiger Strom von Pianominiaturen, atmosphärischer Kammermusik, rhythmischer Komplexität und spirituellen Chants.

Im Booklet zum Album gibt es zwei beeindruckende Fotos, die traditionelle afrokaribische Perkussionsinstrumente in aktuellen New Yorker Settings zeigen: Altes und Neues, kulturelle Differenzen und ihre Verschmelzung. David Virelles zielt mit "Gnosis" auf eine meditative Erfahrung, die Reflektion über Sinn und Zweck überlieferter Traditionen und ihrer Veränderungen durch die Zeit ermöglichen soll. Er und sein Ensemble tun dies auf eine hochanspruchsvolle und fordernde Weise. Genau wie auf den Fotos verbinden sie das Traditionelle mit dem Zeitgenössischen und erschaffen so ein Plädoyer für Rituale in modernen Zeiten.

Kinga Glyk, Dream, Warner Music, 1 CD, € 17,99. 1 Vinyl, € 22,99

Erfolgreiche weibliche "role models" am E-Bass gibt es einige: Meshell Ndgeocello, Esperanza Spalding oder Tal Wilkenfeld wären da zu nennen. Die 20 Jahre junge polnische Bassistin Kinga Glyk hat sich jedoch Jaco Pastorius zum Vorbild erkoren: Der legendäre Innovator der elektrischen Bassgitarre revolutionierte mit extravaganter Melodik und ausgefallener Spieltechnik das Bass-Spiel nicht nur im Jazz. Mehr noch als die brillante Technik interessiere sie an Pastorius dessen Energie und Emotionalität und dass sein Spiel zum Hörer spricht, sagt Glyk.

Seit ihrem 12. Lebensjahr spielt sie Bass. Seither ist sie auch Teil der FamilienBand Glyk P.I.K. Trio, einer erfolgreich in Europa tourenden Formation mit Vater Irek und Bruder Patryk. Mittlerweile haben die drei die Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen getilgt und firmieren jetzt als Kinga Glyk Trio. Auslöser für ihren plötzlichen Ruhm war ein Video, in dem sie eine Version des Eric Clapton-Hits "Tears in Heaven" auf dem Bass gespielt hat: Millionenfach verbreitete es sich über die sozialen Netzwerkwerke in der ganzen Welt.

Auch die Besetzung für ihr erstes "internationales" Album "Dream" hat Kinga Glyk im Internet gefunden. Ausführliches Videostudium führte zu einem Wunschzettel und die unerschrocken angemailten Hochkaräter gaben ihre Zusage. Das Trio besteht aus dem britischen Saxophonisten Tim Garland, dem viel gefragten New Yorker Schlagzeuger Gregory Hutchinson und dem israelischen Pianisten Nitai Hershkovits, der noch bis vor kurzem in der Formation des Bassisten Avishai Cohen aktiv war.

Die neun Tracks des Albums sind überwiegend Eigenkompositionen, die offensichtlich auf melodischen Bass-Riffs basieren und von den erfahrenen Mitmusikern improvisatorisch entwickelt werden. Das Resultat ist ein attraktiver Fusion-Jazz in der Tradition von Weather Report, was sich auch in einer Coverversion der Pastorius-Komposition "Teen Town" niederschlägt. Garlands Spiel verrät große Nähe zu Wayne Shorter und Kingas atemberaubende Bassläufe stehen denen ihres großen Vorbilds um nichts nach. Großartig auch "Difficult choices", ein verhakter Funk-Track mit einem wunderhübschen Bass-Thema (bei ca. 0:45) und einem überfliegenden Saxophon. Das Titelstück beginnt träumerisch im Zusammenspiel von Bass und Klavier und mündet in ekstatische PianoExkursionen, befeuert von Hutchinsons gnadenlosen "drum rolls". Das Schlagzeug ist auch die einzige Begleitung zu "Tears in Heaven", das natürlich auf dem Album nicht fehlen darf.

"Dream" ist die überzeugende Visitenkarte einer hochtalentierten jungen Musikerin, von der noch Einiges zu erwarten ist. Und ganz nebenbei: Der Weather ReportKlassiker "Heavy Weather" scheint nicht nur stilbildend für ihren Sound, sondern auch für die Wahl ihres Hutes zu sein. Vergleichen Sie doch mal die Plattencover!

Perfekte Weihnachtsgeschenke aus dem Hause ECM

Ab sofort finden Sie in unserer Jazz-Abteilung eine Auswahl an ECM-Alben - von uns zusammengestellt und zu attraktiven Preisen! Musik-Chef Hannes Kraus stellt Ihnen drei seiner Lieblingsscheiben vor.

Zsófia Boros, En Otra Parte, ECM New Series, 1 CD, € 9,99

Die ungarische Gitarristin Zsófia Boros brilliert auf ihrem Debüt für ECM an der klassischen Gitarre. Ihre Inspiration ist ein Gedicht des argentinischen Schriftstellers Roberto Juarroz, das ihr als Grundlage für den Ausflug in nord- und lateinamerikanische Klänge dient. Die Virtuosin bewegt sich stilsicher zwischen Tango, Jazz, Candomblé- und Milonga-Rhythmen und einer kleinen Prise Pop. Für Gitarrenfans ein Album der Güte "Muss man kennen und will man dann haben".

John Surman, Saltash Bells, ECM Records, 1 CD, € 9,99

Bevor am 18.01.17 das neue John Surman Album auf ECM erscheint, hier ein Blick zurück auf sein überragendes Solo-Album von 2012. Surman fügt Tenorsaxophon, Alt- und Kontrabassklarinetten zu seinem Kernarsenal aus Sopran- und Baritonsaxophonen, Bassklarinette und Synthesizern hinzu. Sogar eine Harmonika ist zu hören - zum ersten Mal auf dem epischen "Sailing Westwards". Sanft und nahtlos ist sie mit einem Synth-Muster überlagert, sodass es wie aus einem Guss klingt. Wahrlich ein Meisterwerk im Oeuvre von Surman und essentiell für ECM-Connaisseure. 

Nils Petter Molvaer, Khmer, ECM Records, 1 CD, € 9,99

"Fusion war gestern, hier kommt Nu Jazz" schrieb Ulf Kubanke auf laut.de zum Debütalbum von Molvaer. Das Album basiert auf gesampelten und künstlich generierten Sounds, organischen Instrumenten unterstützt von Beats aus House und Drum'n'Bass. 1997 ein Quantensprung für den Jazz durch die mit Electronica angereicherten Elemente, die es so zuvor nicht zu hören gab. Sicherlich eine der ungewöhnlichsten, aber dennoch herausragenden Alben auf ECM. zum Produkt

 

 

 

Dussmann das KulturKaufhaus

Mo-Fr 09-24 Uhr

Sa 09-23:30 Uhr

Tel: +49-30-2025-1111

Café-Restaurant Ursprung

FOLGEN & BEWERTEN SIE UNS

  • Folgen Sie uns auf Twitter
  • Folgen Sie uns auf Instagram
  • Folgen Sie uns auf Youtube