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Rezensionen aus unserem aktuellen Jazz-Newsletter

Aus den vielen neuen Platten hat unser Mitarbeiter Stefan Schmidt für den aktuellen JAZZ-NEWSLETTER seine persönlichen Favoriten herausgepickt und rezensiert. 

Alle Platten, die wir Ihnen hier empfehlen, finden Sie noch einmal gesammelt in dieser PLAYLIST.


 

Joel Harrison: America at War

Außergewöhnlich und berührend.

Der amerikanische Gitarrist und Komponist Joel Harrison ist ein höchst flexibler Musiker jenseits von Kategorien. Auf seinen Alben finden sich neben diversen Spielarten des Jazz auch moderne Klassik, Blues oder Weltmusik, und so steht schon mal ein Stück des seriellen Komponisten Olivier Messiaen neben „Whipping Post“ von den Allman Brothers (auf dem 2010er Album „Search“). Dabei verfügt er über die Fähigkeit, Einflüsse und Techniken spielerisch und selbstverständlich in seine Arbeiten zu integrieren.

„America At War“, sein ambitioniertes aktuelles Album, ist formal ein Bigband-Projekt (allein vierzehn Bläser) und inhaltlich eine herzzerreißende Meditation über den tragischen Drang seines Heimatlandes zu bewaffneten Konfliktlösungen. Die acht Eigenkompositionen funktionieren dabei wie Soundtracks zu den Themen (Soldatenschicksale, politische Kriegstreiberei, Anti-Kriegs-Demonstrationen) und verweben gekonnt orchestrale Arrangements, klassische Bigband-Sounds und erdigen Funk-Rock zu einem berauschenden Kopfkino. Innerhalb des kompakten Klangkörpers bleibt genügend Raum für solistische Passagen von Ausnahmemusikern wie der Trompeterin Ingrid Jensen oder des Saxophonisten Jon Irabagon.

Exemplarisch genannt sei das Auftaktstück „March On Washington“, eine zehnminütige Achterbahnfahrt aus Funk-Grooves, Bläser-Exzessen und Wah-Wah-Gitarre, verschnitten mit Zitaten von Civil Rights-Hymnen wie „We Shall Not Be Moved“ oder „Blowin‘ In The Wind“. Dass Harrison keinesfalls den einzelnen Soldaten denunzieren will, beweist er unter anderem in der einzigen Fremdkomposition, einer selbst gesungenen Version von Tom Waits‘ „Day After Tomorrow“, einem Soldatenbrief vom Schlachtfeld an die Familie daheim.

„America At War“ ist musikalisch und inhaltlich ein außergewöhnliches, berührendes Statement eines bedeutenden zeitgenössischen Musikers.

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Lakecia Benjamin: Pursuance - The Coltranes

Coltrane geht immer!

Nicht erst seit den zuletzt veröffentlichten Archivaufnahmen ist die Musik von John Coltrane auch mehr als 50 Jahre nach dessen Tod eine Quelle der Inspiration für Musiker aller Altersklassen. Die junge amerikanische Saxophonistin Lakecia Benjamin zollt auf ihrem dritten Album „Pursuance: The Coltranes“ aber nicht nur John Coltrane Tribut, sondern widmet sich auch dem Werk von dessen Ehefrau Alice Coltrane, der großartigen Pianistin und Harfenistin, deren spiritueller Jazz heute präsenter ist denn je zuvor (Kamasi Washington, Maisha, Flying Lotus).

Coltrane zieht immer. Für das Projekt trommelte Benjamin eine erlauchte Schar von Musikern zusammen, die sie in drei Generationsgruppen unterteilte. Spektakulär sind vor allem die Teilnehmer der Klasse 70-90, namentlich der Bassist Reggie Workman (Jahrgang 1937), der noch mit beiden Coltranes zusammenspielte, die Pianistin Bertha Hope und Saxophonist Gary Bartz, mit dem Benjamin durch den furiosen Album-Opener „Liberia“ rast. Marc Cary, Greg Osby oder die Violinistin Regina Carter repräsentieren u.a. die Gruppe 50-70, dazu kommen aus Benjamin’s Generation 20-40 Keyon Harrold, Marcus Strickland oder die Harfenistin Brandee Younger.

Coltrane berührt immer. Die schöne Auswahl bekannter Klassiker und weniger vertrauter Tracks wird, der Vielzahl und Verschiedenheit der Musiker entsprechend, in sehr unterschiedlichen Arrangements realisiert. Das großartige „Spiral“ (aus „Giant Steps“) bekommt ein überzeugendes Latin-Flavour von Piano und Schlagzeug, über dem sich Benjamin mit Saxophonist Steve Wilson duelliert. Beim Titeltrack „Pursuance“ aus Coltrane’s klassischem „A Love Supreme“-Album werden selbst strenge Puristen nichts auszusetzen haben. Benjamin jagt durch den take, während Pianist Marc Cary seinen inneren McCoy Tyner rauslässt.

Es ließe sich noch seitenlang schwärmen über dieses fabelhafte, vielseitige Album, das mit höchster Musikalität auf zeitgemäße Weise respektvoll dem klassischen Jazz Tribut zollt.

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Tony Allen und Hugh Masekela: Rejoice

Unvergleichlicher Groove- klar und authentisch

Als sich Hugh Masekela und Tony Allen Mitte der 70er Jahre in Lagos kennenlernten, waren beide schon etablierte Innovatoren afrikanischer Musik. Der südafrikanische Trompeter war im Apartheid-Exil zum internationalen Star mit US-Chart-Hit aufgestiegen, Schlagzeuger Tony Allen war der buchstäbliche Beat in Fela Kuti’s Afrobeat. Es dauerte allerdings bis zum Jahr 2010, um eine damals geplante Zusammenarbeit zu realisieren.

Unter Aufsicht des Produzenten und Label-Chefs Nick Gold (Buena Vista SC, Ali Farka Touré) legten Masekela und Allen in den Londoner Livingston Studios die Basis für ein gemeinsames Album. Ausgangspunkt für die acht Tracks, die in wenigen Tagen entstanden, waren ausgetüftelte rhythmische Muster Allens, die Masekela mit seinem kräftigen, durchdringenden Flügelhorn veredelte. Für den nötigen Feinschliff fehlte den Beteiligten die Zeit und so landete das Material in den Archiven.

Erst nach Masekela’s Tod in 2018 entschieden Allen und Gold, das Projekt zu Ende zu bringen. Assistiert von einigen Musikern der aktuellen Londoner Szene um Joe Armon-Jones, wurden die originalen Takes dezent mit Keyboards, Bass, Percussion, Sax und Vibraphon unterfüttert. Unangetastet im Zentrum bleibt der strahlende Ton von Masekela und das Schlagzeug von Tony Allen, dem eigentlichen Star der Show. Sein unvergleichlicher Groove, die komplexen Polyrhythmen, minimalen „rolls“ und der innovative Hi-Hat-Sound klangen selten klarer und authentischer als in der Produktion von Nick Gold.

Die weitgehend instrumentale Afro-Bebop-Mixtur wurde bei einigen Tracks mit Chants und kurzen Vokalpassagen in Yoruba und Zulu angereichert und endet in „We’ve landed“ mit der Übergabe des Staffelstabs an die nachfolgenden Generationen. Motto: unsere Zeit läuft ab, jetzt ist es an euch.

Tony Allen ist am 30. April dieses Jahres in Paris gestorben. Die Fußstapfen könnten größer nicht sein.

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The Necks: Three

Emotionale sowie abenteuerliche Vielfalt!

Als sich Pianist Chris Abrahams, Bassist Lloyd Swanton und Schlagzeuger Tony Buck 1986 in Sydney zum gemeinsamen Musizieren zusammenfanden, war ihr Konzept einfach, radikal und strikt privat. Keine Kompositionen oder vorherige Absprachen, keine Soli, keine Auftritte vor Publikum und erst recht keine veröffentlichten Aufnahmen. Letzteres hat nicht ganz geklappt. "The Necks", wie sich das Trio nennt, haben sich mittlerweile in Hunderten von Konzerten eine weltweite Fangemeinde erspielt und mit „Three“ soeben ihr 21. Album veröffentlicht.

Geblieben ist der konsequent improvisatorische Ansatz ohne Solo-Eskapaden, und es scheint, als wäre das Credo der Band auch ihr Erfolgsgeheimnis. Ihre Live-Auftritte bestehen meist aus zwei jeweils etwa einstündigen kollektiven Improvisationseinheiten, bei denen die Musiker sozusagen in Echtzeit komponieren und anschließend oft genauso verblüfft vom Resultat sind wie das Publikum.

Jazz, Minimal Music, klassische Avantgarde und Post-Rock sind stilistische Begriffe, die das Terrain der Necks nur notdürftig markieren. Ihre Musik ist eher ein pulsierender Organismus aus Tönen, Klängen und Rhythmen, der langsam, aber stetig seine Form verändert und eine schwer fassbare, trance-ähnliche Faszination hervorruft.

Die drei Tracks des aktuellen Albums rangieren jeweils um die zwanzig Minuten und sind sowohl musikalisch als auch emotional von abenteuerlicher Vielfalt. „Bloom“ ist dicht und perkussiv und transformiert auf verblüffende Weise Ruhelosigkeit in Meditation. „Lovelock“, ein Tribut an den 2019 verstorbenen australischen Rockmusiker Damien Lovelock, schafft Räume, lässt los und beschreibt mit betörender Atonalität fremde, doch seltsam vertraute (Gefühls)landschaften. „Further“ geht mit harmonischen Pianofiguren, Orgelteppich und soliden Drums am ehesten als konventioneller Jazztrack durch.

In der Musik von The Necks verbindet sich auf magische Art musikalische Grenzenlosigkeit mit Detailversessenheit, Improvisation und minutiöses „Arrangement“. „Three“: drei Musiker, drei Tracks, ein Album, das Welten öffnet.

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