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Das KulturKaufhaus trifft

»Ich bin mein eigener Ausweis«

WEITER SCHREIBEN ist ein literarisches Projekt, in dem Autor*innen aus Krisengebieten weiter veröffentlichen und sich mit in Deutschland ansässigen Autor*innen zu einem sogenannten Tandem vernetzen können.

Wir haben die beiden Autorinnen Rabab Haider und Ulla Lenze einen Tag lang begleitet und die Initiatorin des Projekts WEITER SCHREIBEN zum Interview getroffen.


  

Frau Reich, WEITER SCHREIBEN ist ein Projekt des Vereins WIR MACHEN DAS. Wofür setzen Sie sich ein?

WIR MACHEN DAS gibt es seit drei Jahren. Ich habe es mit einem Netzwerk von 100 Frauen aus der Berliner Kulturszene, aus Journalismus und Wissenschaft zusammen gegründet. 2015 haben viele von uns Nothilfe für geflüchtete Menschen geleistet und Geflüchtete in unseren Wohnungen aufgenommen. Da haben wir beschlossen, einen Verein zu gründen, um zu erreichen, dass diese Menschen in ihren Expertisen wahrgenommen und nicht auf ihre Flucht reduziert werden und weil wir zeigen wollten, dass wir alle unsere Welt teilen können und wie bereichernd das ist.

Wir haben geflohene Schriftstellerinnen und Schriftsteller gefragt, was sie sich wünschen. Die Antwort war immer dieselbe: Wir wollen weiterschreiben!

Wie kam es dann konkret zu der Initiative WEITER SCHREIBEN?

Gemeinsam mit Ines Kappert vom Gunda-Werner-Institut in der Böll-Stiftung haben wir im Jahr 2017 bekannte, geflohene Schriftstellerinnen und Schriftsteller gefragt, was sie sich wünschen. Die Antwort war immer dieselbe: Wir wollen weiterschreiben! Die Menschen, die geflohen sind, verlieren die Möglichkeit, weiter zu schreiben und gelesen zu werden, Sprachraum und die Publikationsmöglichkeiten fallen weg. Damit verlieren sie einen Teil ihrer Identität. Deswegen sorgen wir dafür, dass etablierte Schriftstellerinnen und Schriftsteller weiter veröffentlichen können. Auf unserem Online-Portal weiterschreiben.jetzt und in unserer ersten Anthologie „Das Herz verlässt keinen Ort, an dem es hängt“, die bei Ullstein erschienen ist. Darüber hinaus vernetzen wir die Autorinnen und Autoren mit bekannten deutschsprachigen Autorinnen und Autoren. Wie fängt man im deutschen Literaturbetrieb an? Welcher Verlag passt? Solche Fragen können am besten in einer Eins-zu-eins-Situation beantwortet werden.

Wovon handeln die Texte, die auf weiterschreiben.jetzt veröffentlicht werden?

Das ist unterschiedlich. Einem Großteil der Texte merkt man die Verarbeitung des Grauens an. Es gibt sehr viele Texte mit Todesmotiven, viel Krieg, wenig Flucht interessanterweise. Es gibt es aber auch einige erotische Texte von Frauen. Das hat auch eine politische widerständige Dimension, weil es für Frauen in Syrien nicht einfach ist, die eigene Körperlichkeit und Sexualität zu thematisieren. Manchmal erscheinen auch Texte, die uns neue Perspektiven auf bekannte Orte schenken: Der palästinensisch-syrische Dichter Ramy Al-Asheq schreibt beispielsweise über Orte, die er besucht: Ahrenshoop oder Amsterdam. Das ist spannend zu lesen.

Lässt sich in den Texten ein Bezug zur Stadt Berlin finden?

Ja, Widad Nabi, eine kurdisch-syrische Autorin, findet wunderbare Beschreibungen für diese Stadt. Einen ihrer Texte nannte sie: „Sieben Gründe, sich in Berlin zu verlieben“.

Wir arbeiten die Tandems zusammen?

Die Zusammenarbeit ist sehr unterschiedlich. WIR MACHEN DAS organisiert Lesungen, dort treffen sich die Autorinnen und Autoren. Von Mai 2018 bis Mai 2019 organisieren wir elf Veranstaltungen, auf denen gemeinsam gelesen und diskutiert wird. Darüber hinaus gibt es aber ganz unterschiedliche, individuelle Formen des Austauschs. Saša Stanišić und Salma Salem, die im Untergrund in Syrien lebt, versuchen sich regelmäßig über Skype zu erreichen, was mal besser und mal weniger gut klappt. Da kommt dann von uns eine Übersetzerin mit in das Gespräch, damit sich die beiden überhaupt austauschen können.

Oder Widad Nabi, die in einem Tandem mit Annett Gröschner ist, einer der großen literarischen Archivarinnen der ehemaligen DDR. Die beiden gehen zusammen durch Berlin. Annett zeigt Widad dabei Spuren der untergegangenen DDR, und Widad zeigt Annett wiederum Orte, die sie in Berlin an Aleppo erinnern. Das ist für beide eine besondere Auseinandersetzung mit ihren Erinnerungen.

Dass sie sich jetzt gemeinsam an etwas erinnern können, was so unterschiedlich war und nun verloren ist. Ein Spurenlesen.
  

Gibt es ein Zitat aus einem Text, das Ihnen in besonderer Erinnerung bleibt?

Die afghanische Lyrikerin Mariam Meetra schreibt in einem Gedicht: »Ich bin mein eigener Ausweis / aus Träumen und Ängsten /mit denen ich Flüsse, Berge und Flughäfen passierte.«. In diesen Zeilen steckt für mich so unglaublich viel drin. Fragen nach der eigenen Identität und dem, was uns als Menschen ausmacht. Das ist es auch, was das Projekt WEITER SCHREIBEN leisten kann: dass wir nochmal in einer ganz anderen Tiefe verstehen, was politische Entscheidungen für einzelne Menschen ganz persönlich bedeuten können.


Über Annika Reich

Annika Reich, 1973 in München geboren, arbeitet als Schriftstellerin und als Kolumnistin für die ZEIT-Online-Kolumne »10 nach 8«. Außerdem gründete sie den Verein WIR MACHEN DAS. Sie veröffentlichte u.a. die Romane »Durch den Wind« (2010), »34 Meter über dem Meer (2012)«, »Die Nächte auf ihrer Seite« (2015) und die Kinderbücher »Lotto macht, was sie will!« (2016) und »Lotto will was werden« (2018)

   

Über das Projekt WEITER SCHREIBEN

WEITER SCHREIBEN ist ein Projekt des Vereins WIR MACHEN DAS. Auf weiterschreiben.jetzt publizieren seit Mai 2017 Autorinnen und Autoren aus Krisengebieten, syrische, irakische, afghanische und jemenitische sowie Sinti- und Roma-Autorinnen und Autoren in den Bereichen Kurzprosa, Poesie, Essay und literarischer Journalismus. Das Portal steht unter der künstlerischen Leitung von Annika Reich (Autorin, Aktivistin). Die Texte erscheinen in Originalsprache und in deutscher Übersetzung und werden von Fotograf/innen und Künstler/innen aus Krisengebieten illustriert.