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Musikfest Berlin 2019

Das Musikfest Berlin versteht sich als ein Forum für die innovative künstlerische Arbeit der großen Orchester und Ensembles im Bereich der klassischen und modernen Musik. Es präsentiert ein ambitioniertes Festivalprogramm mit wechselnden Schwerpunkten. 
Bis 19. September werden 26 Veranstaltungen mit über 65 Werken von 25 Komponistinnen und Komponisten präsentiert, aufgeführt von über 20 Orchestern, Instrumental- und Vokalensembles und von zahlreichen Solisten des internationalen Musiklebens und der Musikstadt Berlin.

Zum Programm


 

Konzerthighlight: Les Siècles beim Musikfest Berlin

Sonntag, 15.9., 20:00 Uhr, Philharmonie

Jean-Philippe Rameau

Orchestersuite aus Les Indes Galantes

Helmut Lachenmann

Mouvement (– vor der Erstarrung) für Ensemble

Hector Berlioz

Harold en Italie op. 16

Symphonie in vier Teilen mit konzertanter Viola

Tabea Zimmermann – Viola

Les Siècles

François-Xavier Roth – Leitung

Les Siècles – Realität gewordene Utopie

François-Xavier Roth im Gespräch

Nach Berlin kommen wir mit einem ganz besonderen Programm.

Wie kamen es zur Gründung von Les Siècles? Und was macht den besonderen Charakter dieses Orchesters aus?

Ich habe Les Siècles 2003 gegründet und meine Idee war, damit ein neues Orchestermodell ins Leben zu rufen, ein Orches­ter, das Musik aus verschiedenen Epochen auf historischen Instrumenten musizieren kann – ein utopisches Orchester sozusagen. Und es freut mich sehr, dass diese Utopie heute Realität geworden ist. Wir spielen die Werke jedes Mal mit den Instru­menten, die der jeweilige Komponist selbst auch gehört und zur Verfügung hatte. Das ist nicht immer leicht, weder beim Spielen noch beim Reisen. Denn die Schwierigkeit besteht darin, während des Konzerts zwischen verschiedenen Instrumenten zu wechseln. Diese zu transportieren und auf- und abzubauen ist eine ganz andere Sache.

Mit welcher Musik werden Sie in Berlin auftreten?

Nach Berlin kommen wir mit einem ganz besonderen Programm. Natürlich werden wir ‚unseren‘ Berlioz spielen – diesen unglaublichen Komponisten, mit diesen wunderbaren Blasinstru­menten wie zum Beispiel den Ophikleiden, den Streichern mit Darmsaiten, den Harfen und so weiter. Dann haben wir auch einen Komponisten im Programm, der ebenfalls viel für die Musik seiner Zeit bewirkt hat: Jean-Philippe Rameau mit der Orchestersuite zu dem Opéra Ballet Les Indes galantes. Es ist sehr spannend, in einem Konzert zu zeigen, was diese beiden Kom­ponisten – Rameau und Berlioz – jeder zu seiner Zeit für den Apparat Orchester Wichtiges geleistet haben. Beide gelten heute nicht nur in Frankreich als Komponisten, die das Orchester wirklich in eine neue Dimension geführt haben. Ein weiterer Komponist, dessen Schaffen für das Orchester von heute außeror-dentlich wichtig ist, und der mir sehr am Herzen liegt, ist natürlich Helmut Lachenmann. Für das Publikum wird es sicherziemlich aufregend sein, diese drei wirklich radikalen Komponisten, diese drei verschiedenen Klangwelten zu erleben. Und genau das möchte in diesem Konzert greifbar machen.

Wie haben Sie Berlioz für sich entdeckt? Schätzten Sie früher nicht Wagner mehr, gelten aber jetzt als einer der profiliertesten Berlioz-Kenner?

Berlioz verkörpert für mich und für Frankreich überhaupt, ‚unseren‘ Beethoven und gleichzeitig ‚unseren‘ Wagner. Man hat nicht so oft große Helden. Man könnte für Frankreich vielleicht sagen: Wir haben Berlioz und wir haben Boulez. Das sind beides die Prota­gonisten unserer Musikwelt, die alles nochmals neu gedacht und die Musik auf eine neue Stufe gebracht haben. Berlioz ist mein persönlicher Held, denn er hat gezeigt, dass Musik nichts Deko­ratives ist, was irgendwie Spaß macht – nein – für ihn ist Musik etwas so Wichtiges, denn sie kann bewirken jemand anderer zu werden. Das ist ein sehr starker Gedanke. Das liebe ich an Berlioz. Eigentlich liebe einfach alles an ihm. Ich liebe seine Art der Übertreibung: Erst unglaublich laut zu sein und danach wieder so weich, sensible und zerbrechlich. Berlioz ist explosiv, Grenzen existieren bei ihm nicht mehr. Und er ist höchst modern. So hat er in seinem Grand traité d'instrumentation et d'orchestration modernes im ersten Satz das Musikinstrument neu definiert: „Jeder vom Komponisten verwendete klingende Körper ist ein musikalisches Instrument.“ Dieser Gedanke erscheint für uns heute wirklich modern, weil er die Möglichkeiten, Klänge auch mit elektronischen Instrumenten zu produzieren, oder auch mit irgendeinem Gegenstand, mit konzipiert. Das ist Avantgarde und diese Modernität schätze ich sehr an Berlioz.

Welchen Stellenwert hat Harold en Italie innerhalb des OEuvres von Berlioz?

Berlioz hat nie zweimal in dergleichen Form komponiert, sondern er schafft bei jedem musikalischen Werk – wie übrigens auch Boulez – eine neue Welt und diese musikalischen Welten sind nicht miteinander vergleichbar. Harold en Italie ist keine Symphonie, kein Konzert für ein Soloinstrument, auch keine symphonische Dichtung, sondern alles das zusammen. Es gibt eine Geschichte, eine Figur, verkörpert durch die Solo-Bratsche und ein Orchester. In vier verschiedenen Sätzen begleiten wir diese Figur des Harold, die mal auf andere trifft, die mal melancholisch ist, mal sehr naturverbunden erscheint usw. Beim Musikfest Berlin führen wir diese „Symphonie“ zusammen mit Tabea Zimmermann als Solistin auf, was ein großes Glück ist. Denn sie ist natürlich die denkbar beste Verkörperung des Harold. Wir sind wie Geschwister im Geiste und das gemeinsame Musizieren mit ihr ist mir eine unendliche Freude.

Wie haben Sie die Musiker*innen des Orchesters ausgewählt und diesen großen Instrumentenapparat zusammengestellt?

Die Musiker*innen von heute kommen aus einer neuen Genera­tion und verfügen über das Können und die Praxis, moderne und alte Instrumente gleichzeitig und parallel üben und spielen zu können. Wenn man an alten Instrumenten verschiedener Epochen und noch verschiedener europäischer Regionen interes­siert ist, ist das ein langer und aufwendiger Suchprozess. Wir, das heißt Les Siècles, haben eine Kollektion an Instrumenten, aber auch die Musiker*innen selbst kaufen sich welche. Wir können heute über einen unglaublichen Apparat an Instrumenten ab Bach, über Vivaldi bis Debussy und Ravel verfügen. Wir hatten aber auch einen Sponsor aus der Schweiz, der uns dabei geholfen hat, die Instrumente zu suchen und zu kaufen.

Gibt es musikalische Verbindungen zwischen Berlioz' Harold en Italie und Lachenmanns Mouvement (vor der Erstarrung)?

Es gibt keine spezielle Verbindung zwischen den beiden Stücken. In diesem Programm wollte ich zeigen, dass Rameau, Berlioz und Lachenmann moderne Komponisten sind, jeder zu seiner Zeit. Und alle waren sie am Orchester und an den Instrumenten interessiert. Jean-Philippe Rameau war der erste Komponist, der in seinen Stücken einen Fokus auf verschiedene Instrumenten-kombinationen gelegt hat: Was bedeutet es, eine Flöte mit einem Fagott zu kombinieren oder, was ist ein Unisono zwischen Oboen und tiefen Streichern? Von den dreien ist aber Berlioz der erste Komponist, der den Orchester-Apparat wirklich entwickelt hat und wirklich für das Orchester geschrieben hat. Mit Lachenmann sind wir in einer neuen Phase. Wir haben es da mit ganz anderen Fragen zu tun: Was sind die Instrumente heute und morgen? Wie können diese Instrumente, die wir schon sehr gut kennen, anders klingen? Wie können wir eine neue Klangkultur entwickeln?

Wie meistern sie als Dirigent zusammen mit dem Orches­ter mit diesem Programm an einem Konzertabend die klangliche Balance im Raum, auch für das Publikum?

Als Dirigent ist es eine interessante Aufgabe, weil ein solches Programm zu der Frage führt, was ein Dirigat durch die Musikge­schichte bedeutet. Unter den drei Werken, die ich dirigieren werde, ist nur ein Werk wirklich für einen Dirigenten geschrieben. Und das ist der Berlioz. Denn er war vielleicht der erste, der die­sen Beruf erfunden hat. Er war der erste, der erklärt hat, wie der Dirigent die Partituren proben muss. Berlioz’ Komposition hat wirklich mit einem Dirigenten im romantischen Sinn zu tun. Bei Lachenmann wiederum habe ich erlebt, dass der Komponist in der Probenphase fast wichtiger als der Dirigent war. Er hat so intensiv mit den Musiker*innen an den verschiedenen musikalischen Gesten geübt, dass hier die Rolle des Dirigenten etwas in den Hintergrund gerückt ist. Bei der Musik von Lachenmann ist es schwierig, das zu erreichen, was gleichzeitig mein Klang ist, und das, wie es klingen soll und dabei die Balance zwischen den Instrumenten herzustellen. Bei Rameau wiederum muss man darauf achten, wie man zusammen atmet, phrasiert, wie man zusammen eine so genaue Linie von Harmonie und Phrasierung erreicht. Als Dirigent überlege ich immer ganz genau, in welchem musikgeschichtlichen Kontext ich mich bewege und was dem­entsprechend jeweils meine Rolle und meine Funktion in dieser Musik und in diesem Kontext ist.

Das Gespräch mit François-Xavier Roth führte Patricia Hofmann

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