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Vive la liberté, faites l‘amour!

Siegessäule-Redakteur Roberto Manteufel erklärt, warum er gern mit Franzosen ins Bett steigt – zumindest mit ihren Büchern.

 

Franzosen (die männliche Form verwende ich bewusst, da es sich im Folgenden nur um schwule Autoren handelt) gelten gemeinhin als tolle Liebhaber. Paris, die Stadt der Liebe, und solch ein Kladderadatsch. Und vielleicht liegt es ja an dieser unterstellten amourösen Superfähigkeit, dass Franzosen unseren sexual- theoretischen Diskurs hierzulande maßgeblich bestimmen. Natürlich ist das erst mal ein denkbar plattes Klischee. Doch vielleicht steckt ja doch ein klitzekleiner Funken Wahrheit in dieser Aussage. Zumindest bin ich versucht, das zu sagen, wenn ich mir allein das letzte Jahr und die dahingehende regelrechte Flut an Büchern aus französischer Hand anschaue.

Angefangen mit der lang ersehnten Erstveröffentlichung von Foucaults viertem Teil seines Bandes „Sexualität und Wahrheit“ (Suhrkamp), welchen er noch auf dem Totenbett vollendete und in dem er der „Ökonomie des Begehrens“ in der Ursuppe des Christentums nachstöbert. Weiter mit der Neuauflage von Guy Hocquenghems Werk „Das homosexuelle Begehren“ (Nautilus), das erstmalig 1972 erschien und inzwischen als wichtiger Anstoß für die Queer-Theorie gilt. Ebenso nicht zu vergessen ist Christian Maurels Polemik „Für den Arsch“ (August Verlag), die den linken Diskurs über Homo-Sex auf die Schippe nimmt. Sie bezog sich zwar ursprünglich auf Debatten aus den 70ern, jedoch hat sie teils nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Und zu guter Letzt – und damit zu meinem absoluten Favoriten – erschien Ende Dezember 2019 Didier Eribons gut 600 Seiten starkes Buch „Betrachtungen zur Schwulenfrage“ (Suhrkamp) mit reichlich Verspätung endlich auf Deutsch. Im Nachbarland kommen sie nämlich bereits seit 1999 in den Genuss dieser Schrift.

 

»Hierzulande herrscht anscheinend Flaute, wenn es um die Thematisierung von Sex geht.«

 

Allerdings sorgt Eribon nun endgültig für Zweifel bezüglich der schöpferischen Kraft der deutschen Libido. Klar, zuallererst ist sein Buch natürlich eine grandiose Analyse über die Macht von Beleidigungen – jenen Druck, den die heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft generell auf jede Minderheit durch ihre Sprachhoheit ausübt – und wie sich Schwule aufgrund dieser allgegenwärtigen verbalen Zwangsjacke anpassen, rebellieren oder untertauchen. Aber er vollführt diese Untersuchung anhand zahlreicher literarischer Beispiele, und da tanzen sie einem alle vor Augen: Gide, Proust, Genet. Oder auch die Engländer Wilde, Isherwood und viele weitere. Und welche schwulen Literaten und Philosophen solchen Formats hat Deutschland vorzuweisen? Mir fällt spontan keiner ein. Hierzulande herrscht anscheinend Flaute, wenn es um die Thematisierung von Sex geht. Zumindest, wenn man die Bedeutung und Nachhaltigkeit eines Werks als Standard anlegt.

Nun liegt es mir wirklich fern, falls das bis jetzt nicht klar ist, einen Theorieerguss auf Deutsch einzufordern. Ich finde es lediglich amüsant, dass, wenn man sich einfach nur besagte Veröffentlichungen anschaut, französische Autoren den Ton angeben. Die Gründe dafür liegen wohl eher im Bildungssystem sowie auch in der Syntax der Sprache als an dem Umstand, dass alle Franzosen Granaten im Bett sind. Doch ganz ehrlich: Letztlich ist es verschwendete Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Vielmehr sollten wir diesen Output schlichtweg feiern. Vor allem, wenn er so viel Substanz hat wie bei Eribon. In diesem Sinne: Vive la liberté, faites l‘amour!

 


 

Didier Eribon: Betrachtungen zur Schwulenfrage

Als Didier Eribons Betrachtungen zur Schwulenfrage 1999 in Frankreich erschienen, wurde das als Ereignis gefeiert. Schnell etabliert sich das Buch als Klassiker und Gründungsdokument der Queer Studies. Eribon legt darin eine neue Analyse der Bildung von Minderheitenidentitäten vor, an deren Anfang die Beleidigung steht. Es geht um die Macht der Sprache und der Stigmatisierung, um die Gewalt verletzender Worte im Rahmen einer allgemeinen Theorie der Gesellschaft und der Mechanismen ihrer Reproduktion. Nun liegt das Werk erstmals in deutscher Übersetzung vor.

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